Damenriege

Damenriege

Undercover im Reich der Heteros

Ich war letzte Woche auf einer Geschäftsreise, auf der ich mit meinem langjährigen, schwulen Freund etwas gemacht habe, was ich nie machen würde, wirklich nie, wenn es nicht im Namen der Kunst gewesen wäre.

Ich muss etwas loswerden. Irgendwer muss auch mal darüber reden. Ich war letzte Woche auf einer sogenannten Geschäftsreise, auf der ich mit meinem langjährigen, schwulen Freund etwas gemacht habe, was ich nie machen würde, wirklich nie, wenn es nicht im Namen der Kunst gewesen wäre. Ich meine, wir waren da, mittendrin, und mir kam plötzlich der Gedanke: "Wäre das eine andere Situation, würde ich so etwas nie tun." Aber von Anfang an.

Nachts: Unser kleiner Kunsttrip

Mein Freund, nennen wir ihn Fantastique, und ich kennen uns seit wir 16 sind und uns an unserer Provinz-Kanti geoutet haben. Er war dort der Schwule, ich die Lesbe. Seither zählen wir zu den Höhepunkten unserer gemeinsamen Erlebnisse, dass wir in San Francisco vor einem Strip-Club mit Leuten, die wir nicht kannten, eine Stunde lang den Türsteher überredet haben, uns gratis reinzulassen, obwohl wir da gar nicht reinwollten. Mir ist entgangen, wieso wir das gemacht haben, aber es hat geklappt.

Letzte Woche, nachdem Fantastique und ich in Wien bis halb zehn Uhr abends gearbeitet hatten, kamen wir auf die Idee, unser letztes Erlebnis mit nackten Frauen zu übertrumpfen und einen kleinen Abstecher in die Secession zu machen. Wer den Medienrummel um die Ausstellung dort mitbekommen hat, wird wissen, dass im Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst derzeit noch bis zum 18. April ein Swingerclub ausgestellt ist. Und genau, abends ist dort auch normaler Swingerclub-Betrieb.

Undercover im Reich der Heteros

Soweit, so gut, und an einem Swingerclub finde ich an sich auch überhaupt nichts Verwerfliches. Nur ist das Konzept eines solchen Clubs so hetero – nur heiraten ist noch heteroer: Heterosexuelle kommen meist in Pärchen um "im erotischen Rahmen zwanglos Gleichgesinnte kennenzulernen". Sex zwischen Männern und zwischen Frauen gibt es dort zwar auch, Leute, die einen offenen homosexuellen Lifestyle leben, allerdings nicht (das bestätigte mir jedenfalls ein Mitarbeiter von Element6). Und das heisst für mich und Fantastique, dass wir ohne mindestens Bisexualität vorzutäuschen, etwas aufgefallen wären.

Wir mussten uns also etwas einfallen lassen. Und vor lauter Müdigkeit fiel uns nichts Besseres ein, als uns als Heteropärchen zu tarnen und uns zu allem Überfluss und aus einem Grund, den zu erklären jetzt zu lange dauern würde, gegenseitig Herr und Frau Polster zu nennen. Herr Polster, gertenschlank und in hautenger Jeans, und Frau Polster, die sich kurz zuvor ein Kleidchen ausleihen musste, um nicht aus dem Rahmen zu fallen. Wir betraten den Club und waren gemeinsam so angestrengt hetero, dass uns das bestimmt niemand abgekauft hat. Was nicht schlimm war, weil Herr Polster mir einen Vodka Cranberry und sich selber einen Gin Tonic bestellte, sich anschliessend zu mir hinsetzte und die Beine überschlug und wir uns anschickten, die Szene zu beobachten.

Wilde Szenen und orgiastische Parties, oder so

Ich würde jetzt gerne (oder auch nicht) von wilden Szenen berichten, von Verhaltensweisen, die ich noch nicht kannte, von einer orgiastischen Party wie sie XTube noch nicht gesehen hat. Es lag aber wohl an der Tatsache, dass es Mittwoch war, dass es bei wilden Geräuschen hinter Vorhängen geblieben (nicht die von mir und meinem Herr Polster). Diese waren hingegen umso spektakulärer: Jedes Orchester ist dagegen schlecht dirigiert, und ich frage mich, wer wirklich solch rhythmische Liebesrufe praktiziert, wenn nicht aus dem Grund, andere Paare vom eigenen makellosen Geschlechtsverkehr zu überzeugen.

Was ich zum Medienrummel um die Secession zu sagen habe? Ich finde, es ist jeden Franken Kulturinvestition wert, einmal undercover in einem Swingerclub abtauchen zu können - und das auch noch einen Kulturausflug nennen zu dürfen.