Damenriege

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Unter einer Decke mit der Staubsaugermöderin

Anna kehrt von ihrem nervenschonenden Exil in der Pampa zurück und bekommt Post von der singenden Inuit-Frau aus Grönland.

Ich bin eben von einer Woche auf der Insel heimgekommen. „Die Insel“ ist Irland, wo ich die meinsten meiner Kindheitssommer verbracht habe und wo ich mich auch heute immer gerne erhole. Nach zwei Monaten mit einem Arbeitspensum, das langsam aber sicher an meinen Nerven kratzte und meine Produktivität zu einem Tiefpunkt kommen liess, hatte ich mich entschieden: Jetzt muss absolute Ruhe her. Kein Internet, Fernsehen, Handy – nur Wald und ein See und vier Kilometer weiter ein Pub (wo es zugegebenermassen Internetanschluss hatte – ganz ohne geht es eben doch nicht).

Auch meine Frau Weg hatte ich zuhause gelassen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie konnte es sich nicht einrichten, mitzukommen. Während das europäische Festland also vor sich hin schmolz, sass ich bei 15°C auf der Insel, fror (ich hatte bei 35°C gepackt und natürlich nicht geglaubt, dass die Wettervorhersage stimmen würde), machte Apple Pie und trank Schwarztee mit Milch und Zucker. So sehr ich zum Beispiel Städtereisen mag – ab und zu ist es meine Idealvorstellung einer Idylle, in völliger Abgeschiedenheit im kühlen Irland zu sitzen und höchstens von den Schwalbenkindern im Nest unter dem Dach geweckt zu werden.

Grönland schickt mir ein Packet

Ich war also mittel-begeistert, wieder bei Temperaturen über meinem Schmelzpunkt in Zürich zu landen. Zuhause angekommen lag da allerdings ein kleines Packet auf dem Tisch, das mein Herz höher schlagen liess. Ich wusste, dass es aus Grönland war. Und ich wusste, was drin war. Und das nicht nur, weil es Frau Weg schon per SMS angekündigt hatte: „Du hast ein Packet aus Grönland erhalten. Wie geil ist das denn!“ Der weisse Umschlag mit dem Absender Nive Nielsen beinhaltete das Album ebendieser Künstlerin.

Vielleicht darf ich die Gelegenheit nutzen, sie hier gleich mal vorzustellen? Das Lied heist „Room“:

Ich hatte die Ehre, die grönländische Musikerin zusammen mit ihrem Freund Jan de Vroede vor ein paar Tagen am Openair St. Gallen zu treffen. Ihre Musik, die sie auf Myspace veröffentlicht hat, lief bei mir einen Monat im voraus in Dauerschleife. Nive singt über Kaffe, Käfer und Geister. Als ich sie treffe sagt sie mir, sie wollte als Kind immer Abenteurerin werden, weil sie dachte, das sei ein Beruf. Heute tourt sie stattdessen in Europa und Nordamerika und freut sich über die Bäume. (Bäume? Im Ernst, in Grönland gibt es nicht wirklich viele Bäume.)

Nive, eine Staubsaugermöderin?

Einer ihrer Songs mag ich ganz besonders. Er heisst „Vacuum Cleaner Killer“ (Staubsaugermörder(in)) und handelt von einem Tag, in der Zeit, als sie in London lebte: „Ich war müde, hungrig und wirklich schlecht drauf. Ich sass da im Bus und alles fühlte sich einfach nur falsch an. Und als ich nach Hause kam, waren da auch noch überall Käfer. Ich hasse Käfer! Es ist also ein Lied, das ich geschrieben habe, weil ich mich echt geärgert habe, gleichzeitig ist es aber irendwie auch ein lustiger Song über einen verrückten Tag in London, an dem ich mit dem Staubsauger am liebsten all diese blöden Dinge weggesaugt hätte.“

Ihr Album „Nive Sings!“ (das sie übrigens mit Hilfe von John Parish aufgenommen hat), gibt‘s im Plattenladen oder auf iTunes. Ich gehe jetzt etwas dazu tanzen. Vielleicht kommt dann auch etwas grönländische Kälte...