Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von Nicht-Papier-Schweizern und erleichterter Einbürgerung

60.4 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sagten vergangenes Wochenende Ja zur erleichterten Einbürgerung von Ausländerinnen und Ausländern der dritten Generation. Im vierten Anlauf. Endlich, findet Sandra C. Einwanderer sind nämlich oft helvetischer als jeder Schweizer. Und ihre Enkel wurden von dieser Verbundenheit für die neue Heimat geprägt. Das weiss die Familienbloggerin aus eigener Erfahrung.
Schweizer Pass
© istockphoto

Hätte Bloggerin Sandra C. den roten Pass nicht, würde sie ihn wollen. Trotz aller Widrigkeiten.

Es war eine meiner Lieblingsgeschichten meines Grossvaters, als ich ein Kind war. Wie sie hereinschneiten, die Beamten, und herumschnüffelten, beim einbürgerungswilligen Luigi C. und seiner Familie. Und wehe, auf dem Herd kochte ein Topf Spaghetti al Ragù vor sich hin statt einer Bündner Gerstensuppe! Wie im Film «Die Schweizermacher» sei das gewesen. Gut, mein Grossvater schmückte die Geschichte mit jedem Mal Erzählen noch ein bisschen aus, daher wage ich zu bezweifeln, dass er wirklich eine Schweizerfahne an die Tür gehängt hat, für den Fall, dass «sie» unerwartet auftauchten. Fakt ist aber: Meine Familie väterlicherseits sind eingebürgerte Schweizer, mein Vater wurde als italienischer Staatsbürger geboren. (Im Gegensatz zu seinen vier Geschwistern, die nach der Einbürgerung der Familie zur Welt kamen. So war mein Vater, der später seinen italienischen Pass zurück erhielt, der einzige Doppelbürger der Familie.)

Fakt ist auch: Ich habe kaum je einen schweizerischen Schweizer gekannt als meinen Grossvater. Ausser vielleicht, dass er den typischsten aller italienischen Jobs hatte: Er war Muratore. Maurer. Aber auch Skilehrer. Und Tambour in der Dorfmusik. Zum Znacht gabs bei meinen Grosseltern Siedfleisch, Ghackets mit Hörnli und Apfelmus oder eben Bündner Gerstensuppe. Ab und zu die obligate Portion Spaghetti oder Polenta. (Und Lumache - Schnecken. Mit Kräuterbutter. Man sagte mir, ich hätte sie als kleines Kind geliebt, was ich heute nicht mehr wirklich nachvollziehen kann.) Das Schweizer Fernsehen war heilig im Hause von Luigi C., die Tagesschau Pflicht und Skirennen am TV obligatorisch. Und: Man nenne mir einen Schweizer Promi aus der Zeit meiner Kindheit, ich kenne sie alle! Nicht aus meinem Elternhaus (da machte meine Schweizer Mutter im Gegensatz zu meinem Grosselternhaus recht strikte TV-Regeln), sondern von den Besuchen bei meinen Grosseltern. (Abgesehen davon, dass meine Mutter Adriano Celentano und Al Bano und Romina Power mehr mochte als Mäni Weber und Hazy Osterwald, die mein Grossvater verehrte.)

Da meine Mutter eine «echte» Schweizerin ist, gehöre ich nicht wirklich dieser Generation an, die jetzt von der erleichterten Einbürgerung profitiert - ich hätte dank ihr so oder so einen Schweizer Pass, auch wenn mein Vater nicht als Kind eingebürgert worden wäre. Trotzdem: Diese Generation von Einwanderer-Enkeln tickt wohl so ähnlich wie ich. Ich liebe Italien, spüre eine gewisse Verbundenheit, wenn ich dort bin. Aber richtig italienisch ist an mir nur mein Nachname. Ich sehe nicht mal südländisch aus - im Gegenteil. (Und meine Kinder noch weniger.) Italienisch kann ich zwar, empfinde es aber in keiner Weise als meine Muttersprache, und habe es deshalb auch nie mit meinen Kindern gesprochen. Ich habe mich vor Jahren mal erkundigt, was es brauchen würde, um auch die ursprüngliche Nationalität meines Vaters anzunehmen. Ich las mich nicht mal ganz durch die Unterlagen  - viel zu viel Aufwand für etwas, das mir viel zu wenig am Herzen lag. Und «erleichterte» Einbürgerung in der Schweiz bedeutet immer noch ein aufwändiges Prozedere, zeitlich und finanziell.

Hätte ich ihn aber nicht, diesen roten Pass, ich würde ihn wollen, trotz aller Widrigkeiten. Weil ich hier zu Hause bin. Weil hier meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft sind. Und die meiner Kinder. Genauso geht es denen ohne Schweizer Pass, die jetzt von der erleichterten Einbürgerung profitieren. Ich frage mich, wovor die 39.6 Prozent Nein-Stimmer Angst haben. Vor Leuten, die sich hier so zu Hause fühlen, dass sie diese Nationalität aktiv wollen, obwohl sie sie nicht in die Wiege gelegt bekommen haben. Wenn das keine «guten» Schweizer sind - wer denn dann?

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