Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Abschaffung der Heiratsstrafe? Ein Plädoyer für Toleranz!

Am 28. Februar stimmen wir über die «Initiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe» ab. Was Familienbloggerin Sandra C. an der Initiative nicht passt? Dass sie den Term «Familie» so engstirnig und rückständig definiert. Und dass die propagierten «gleichen Rechte für alle» eben mal wieder nicht für alle gelten.
Abstimmung Februar 2016 Heiratsstrafe nein CVP
© iStock

Für die CVP bedeutet Ehe: «Eine auf Dauer und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.» Bloggerin Sandra C. ist da anderer Meinung.

Ich glaube nicht an die Ehe. Eins und eins macht für mich immer noch zwei, und nicht eins - auch wenn ich noch nie besonders gut in Mathe war. Ich glaube an Eigenständigkeit und daran, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Ich glaube an Rücksichtnahme, Respekt, Verständnis, Kompromissbereitschaft und Grosszügigkeit. Ich glaube an die Liebe. Und daran, dass diese absolut bedingungslos sein kann.

Ja, vielleicht spricht hier das Scheidungskind in mir - aber bisher konnte mir noch niemand einen plausiblen Grund dafür liefern, zu heiraten. Ich habe nicht das Bedürfnis, meine Familie zu «legitimieren». Weder vor der Kirche noch vor dem Staat. Ich gebe zu, vielleicht bin ich vor diesem Hintergrund die Falsche, um eine Meinung über diese Initiative kundzutun. Denn eigentlich habe ich persönlich nichts mit ihr zu tun. Aber ich glaube an zwei Dinge, welche hier meiner Meinung nach mit Füssen getreten werden: Toleranz und Gleichberechtigung.

Mit der Abschaffung der Heiratsstrafe will die CVP eine «diskriminierende Regelung aufheben». Liebe CVP, habt ihr schon mal euren eigenen Initiativen-Text studiert? «Die Ehe ist die auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau.» «Auf Dauer angelegt» mag bei einer Scheidungsrate von gut fünfzig Prozent ja noch als Ironie durchgehen. Die Sache mit der «geregelten Lebensgemeinschaft von Mann und Frau» ist ganz klar diskriminierend. Und gerade das wollt ihr doch «aufheben». Wenn ihr schon so auf Gleichberechtigung plädiert, nennt mir einen Grund, warum diese nicht auch für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gelten sollte.

«Sie (die Ehe) bildet eine Wirtschaftsgemeinschaft», heisst es weiter. Jeder, der zusammenlebt, bildet in der einen oder anderen Art und Weise eine Wirtschaftsgemeinschaft. Wer Kinder hat sowieso. Wir leben im Jahr 2016. «Familie» bedeutet nicht mehr Mami, Papi, leibliche Kinder.

Meine leiblichen Grosseltern waren nie miteinander verheiratet. Ich hatte als Kind immer drei Grossmütter und fand es toll. Meine eine Tante lebt seit Jahren mit einer Frau. Meine andere Tante ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt mit dem leiblichen Kind des Ehepartners und ihrem Sohn aus erster Ehe. Mein Vater war zweimal verheiratet. Meine Mutter lebt seit Jahren ohne Trauschein mit ihrem Partner. Ich hielt es nie für nötig, den Vater meiner Kinder zu heiraten. Auch das ist Familie. Haltet ihr diese nicht für schützenswert, weil sie nicht eurer Idealvorstellung entspricht? Ich schon. Denn es ist MEINE Familie. Und niemand gibt euch das Recht, über sie zu urteilen. Und genau das tut ihr mit dieser Initiative.

Liebe CVP, die sich noch immer Familienpartei nennt und offenbar so ein rückständiges Bild von der heutigen Familie hat: Könnt ihr nicht mal eine sinnvolle Initiative ins Leben rufen? Wenn wir schon beim Thema Gleichberechtigung sind: Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Das wär doch mal was, worüber man sich auch politisch Gedanken machen könnte. Oder über bezahlbare Kinderbetreuung und Tagesschulen. Wenn Frauen genauso viel verdienen würden wie ihre Männer, und dann auch nicht einen Grossteil ihres Lohnes in die Kinderbetreuung investieren müssten, würde es sich nämlich für sie tatsächlich vermehrt lohnen, arbeiten zu gehen. Sie würden dann auch rein finanziell nicht ganz so blöd dastehen, wenn der alleinverdienende Herr des Hauses irgendwann beschliesst, eine Zweitfamilie mit seiner Sekretärin zu gründen, mit der er angebandelt hat, während sie zu Hause seine Kinder erzog. Dass sie dabei von einem Steuervorteil profitierte, dürfte ihr herzlich egal sein.

Ich persönlich finde gemeinschaftliche Besteuerung so oder so nicht mehr zeitgemäss. Aber eben - was weiss ich schon. Ganz grundsätzlich geht mich das Ganze ja eh nichts an. Abstimmen werde ich trotzdem. Für Toleranz und Gleichberechtigung.

Im Dossier: Weitere Familienblogs von Sandra C.