Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Machbarkeit vs. Ethik

Am 14. Juni stimmen wir über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik ab. Bei einem Ja wird es möglich sein, sich bei künstlicher Befruchtung nur ausgesuchte Embryonen einsetzen zu lassen. Für einmal überlegt sich Sandra C., das Abstimmen seinzulassen. Denn die Familienbloggerin tut sich schwer damit, über das Leben anderer bestimmen zu wollen.
Schwangerschaft Babybauch
© iStockphoto

Ja oder nein zur PID-Abstimmung? Was gibt mir das Recht, über das Leben jener mitzubestimmen, die wissen, wovon sie reden?, fragt sich Bloggerin Sandra.

Rein textlich wäre die Änderung minim. «Es dürfen nur so viele menschliche Eizellen ausserhalb des Körpers der Frau zu Embryonen entwickelt werden, als ihr sofort eingepflanzt werden», steht heute im Artikel 119 der Bundesverfassung. Bei einem Ja zur Abänderung dürften es so viele sein, «als für das Fortpflanzungsverfahren notwendig sind». Konkret heisst das, dass bei einer künstlichen Befruchtung nicht mehr alle Embryonen direkt eingesetzt werden müssten, sondern das Aufbewahren und Einsetzen zu einem späteren Zeitpunkt erlaubt wäre. Dies als Vorbereitung zu einer Aufhebung des Verbotes der Präimplantationsdiagnostik (PID). Würde PID in der Schweiz zugelassen, dürfte man Embryonen auf Gendefekte testen und danach ausschliesslich gesunde einsetzen. Eine Selektion aufgrund des Geschlechts oder anderer körperlicher Merkmale bliebe nach wie vor verboten.

Ein emotionales Thema. Befürworter weisen darauf hin, dass es bei einem Ja genetisch belasteten Paaren möglich wäre, ein gesundes Kind zu bekommen, und dass die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften bei In Vitro Fertilisation (IVF) sinken würde. Gegner pochen auf das Recht auf Leben ab der Befruchtung, sprechen von Ethik und religiösen Bedenken.

Nun, meine Religiosität hält sich in Grenzen, aber ganz ehrlich: Wenn ich sehe, wie auf dieser Welt teilweise dem Lieben Gott ins Handwerk gepfuscht wird, wird mir manchmal schon etwas anders. Ich bin auch in Sachen Nachwuchs durchaus tolerant und finde, es spielt nicht so eine grosse Rolle, ob eine Mutter nun 20 oder 40 ist oder homo- oder heterosexuell, solange die Situation für alle stimmt. Aber einer 65jährigen, alleinerziehenden Mutter von 13 Kindern noch Vierlinge in den Bauch zu «mechen», finde ich mehr als fragwürdig. Was für ein Arzt macht so etwas? Eben einer, der gern mal ein bisschen Gott spielt. So viel zum Thema Ethik. Da stellt sich die Frage nach den Grenzen schon, finde ich. Und in einem bin ich mir mit den PID-Gegnern durchaus einig: Nicht alles, was machbar ist, soll auch gemacht werden.

Aber eben: Was weiss denn ich schon? Ich bin leicht schwanger geworden, in meiner Familie gibt es keine schweren Erbkrankheiten, ich habe zwei gesunde Kinder. Ich weiss nicht, wie es ist, wenn man sich verzweifelt ein Kind wünscht und einfach nicht schwanger wird. Wenn jeder Blick auf einen Kinderwagen im Herzen weh tut. Oder wenn man Träger einer vielleicht sogar tödlichen Erbkrankheit ist, und weiss, wie hoch das Risiko ist, diese an seine Kinder weiterzugeben. Für mich war während meiner Schwangerschaften immer klar: Ausser den üblichen Ultraschall-Untersuchungen und der Nackenfalten-Messung lasse ich jegliche Tests sein. Ich werde meine Kinder lieben, egal wer und wie sie sind. Ich war jung, gesund und das Risiko für Fehlbildungen absolut minim. Wäre ich zehn Jahre älter gewesen, hätte bereits über Jahre versucht, ein Kind zu bekommen, vielleicht schon ein, zwei Mal ein Baby während der Schwangerschaft verloren, und das Risiko, dass mein Kind nicht gesund ist, wäre gross - dann wären IVF und PID wohl meine letzte Hoffnung gewesen.

Vielleicht hätte ich aber auch die Gnade gehabt, damit zu leben, dass ich nie Mutter sein würde. Gottgewollt, naturgewollt, schicksalsgewollt, wie auch immer. Es wäre halt einfach so gewesen. Was gibt mir das Recht, Gott (wenn es ihn denn gibt und er für all dies verantwortlich ist), der Natur oder dem Schicksal dermassen reinzureden? Nun - vielleicht ich. Es ginge hier ja immerhin um mich.

Am 14. Juni geht es nicht um mich. Ich habe keine Ahnung. Was gibt mir das Recht, über das Leben jener mitzubestimmen, die wissen, wovon sie reden?

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs