Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Aus dem Leben einer Last-Minute-Mutter

Sandra C. ist eine Last-Minute-Mutter. Das bedeutet nicht, dass sie in letzter Minute Mutter geworden ist, sondern dass sie meistens alles auf den letzten Drücker erledigt. Das hat in ihrem Fall zwar System. Trotzdem muss die Familienbloggerin immer wieder mal erkennen, dass auch dieses seine Tücken hat.
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© GettyImages

Familienbloggerin Sandra C. geht jeweils am Sonntagabend alle Termine durch und plant die anstehende Woche. Leider funktioniert die Umsetzung während der Woche dann nicht immer so gut, wie sie sich das vorgestellt hat.

Ich habe zwei feste und diverse Nebenjobs (und verdiene immer noch nicht genug, um mir eine Sekretärin leisten zu können - irgend etwas mach ich falsch), zwei Kinder, einen Haushalt, zwei Kaninchen. Planung und Organisation sind mein Leben, ohne würde ich im Chaos versinken. Es ist also bei Weitem nicht so, dass ich unorganisiert wäre. Im Gegenteil. Leider merke ich aber immer wieder, dass sich schulische Dinge oft nicht so planen lassen wie der Job und ich da öfter mal an meine Grenzen stosse. Gerade in der Zeit zwischen Frühlings­- und Sommerferien könnte ich eine Sekretärin brauchen, die sich ausschliesslich um die Organisation der schulischen Aktivitäten und der Hobbys meiner Kinder kümmert.

Meine Art der Organisation funktioniert nämlich folgendermassen: Sobald eine Information über irgend etwas in meine Hände gelangt -­ sei das per Fresszettel, den ich aus einer Schultasche geklaubt habe, per Mail oder Post ­- wird das Datum im Kalender eingetragen, der Zettel (sofern er denn existiert) an die Wand in der Küche gepinnt und dann vergessen, bis zum Wochenende davor. Anders lässt sich das kaum machen, schliesslich kann ich nicht ständig gleichzeitig tausend Dinge im Kopf haben. Am Sonntagabend geh ich dann jeweils die bevorstehende Woche durch. Leider funktioniert das nicht immer so gut, wie ich es mir vorstelle. Beziehungsweise sollte man sich wohl gewisse Zettel oder Mails besser richtig durchlesen, bevor man sie an die «Vergessen bis...»-­Wand pinnt.

Zum Glück gibt es immer wieder sehr viel weitsichtigere Mütter als mich, die mich am Telefon fragen: «Hast du einen Schlafsack?» ­ «Hä?» «Sie brauchen einen Schlafsack fürs Klassenlager. Ich kann dir sonst am Besuchsmorgen einen mitbringen.» ­«Besuchsmorgen?» ­ «Ja, sie können die Rucksäcke dann in der Schule abgeben, damit sie sie nicht raufschleppen müssen. Steht alles in den Infos.» ­ «Äh, ja ...» In den Infos, die ich am Sonntag durchlesen wollte. Besuchsmorgen ist am Freitag, den hatte ich eingeplant. Das heisst aber, der Rucksack fürs Klassenlager muss bis übermorgen gepackt sein. Blick in Tochters Kleiderschrank. Leer. Konsequenterweise muss der Wäschekorb übervoll sein. Also das Wichtigste rausgrübeln und in die Waschmaschine schmeissen, damit sie ihren Rucksack packen kann.

Der vergangene Sonntag gestaltete sich übrigens so. Kalender zur Hand checkte ich Tag für Tag der kommenden Woche durch: 

Montag. Kind Eins: Frühstunde und Sport, am Abend Theaterprobe, nichts Spezielles. Kind zwei: Start der Projektwoche im Wald. Voller Stolz klopfe ich mir selbst auf die Schultern, weil ich bereits am Samstag mit ihm waldtaugliche Schuhe gekauft habe (ich hätte auch die Regenjacke checken sollen, so merke ich erst am Montagmorgen, dass der Reissverschluss kaputt ist...). Am Nachmittag Taekwondo. Ich fülle die Anmeldung für die nächste Gurt­-Prüfung aus und lege sie zusammen mit dem Prüfungsgeld bereit. Läck, hab ich das alles im Griff! 

Dienstag. Kind Zwei isst mit der Klasse im Wald zu Mittag. Ich muss also noch etwas dafür einkaufen und das Kind vom Hort abmelden. So weit, so gut. Und da steht was? Kinoabend in der Schule. Ein Pluspunkt fürs Notieren -­ ein Minuspunkt dafür, dass ich die Zeit nicht dazugeschrieben habe. Ich stelle mich vor meine berühmt­berüchtigte Pinnwand und suche sie nach den Infos für den Kinoabend ab. Schulhausfest, Projektwoche, Elterngespräch (inklusive Vorbereitungsblatt zum Ausfüllen), Klassen­-Abschiedsfest (Sh.... da hab ich uns auch noch nicht angemeldet..), Mail wegen Abschiedsgeschenk für Klassenlehrer (aaaaaaaah!!!!!), Musiktag, Elternabend, Geburtstagseinladung von Anna, Versöhnungsweg des Religionsunterrichts, Fussball­-Schülerturnier, Geburtstagseinladung von Max, Infos für den Erstkommunions­-Ausflug, Konzert­-Tickets, Flyer vom Pizza­-Liefer­service. Kein Wort über den Kinoabend. Dienstag -­ Kind Eins hat Gesangsstunde, Kind Zwei Handball. Abmelden? Verschieben? Gut organisierte Mutter anrufen. «Hast du eine Ahnung, wann dieser Kinoabend anfängt?» 18 Uhr für die Mittelstufe, also Kind Eins von der Gesangsstunde abmelden. SMS an zweite gut organisierte Mutter: «Habe den Zettel leider nicht mehr, weisst du, wann der Kinoabend für die Unterstufe anfängt?» Gott sei Dank, sie weiss es. Kind Zwei vom Handball abmelden. 

Mittwoch. Erstkommunions­-Ausflug. Sonst alles normal. Was für eine Wohltat. 

Donnerstag. Da steht gar nichts. Ich hab bestimmt was vergessen. Pinnwand checken. «Maaami, hast du das Formular für die Veloprüfung ausgefüllt?» vom Nebenzimmer. Veloprüfung? Formular? Mach mich, ruft Kind Eins, nicht fertig! «Ehrlich, Mami, ich habs schon zwei Mal gebracht, Frau Moser sagt, sie kopierts nicht noch einmal.» Meine Tochter ist ein Kind, das gerne alles durchgeplant hat, am liebsten schon Wochen im Voraus. Sie leidet manchmal ein bisschen unter meinem Last­-Minute-Syndrom. Nein, ich hab das Formular nicht und weiss auch nicht, wo es sein könnte. Also Mail an die Lehrerin, ob sie es mir aus Mitleid mit einer überforderten Last­-Minute-Mutter ausnahmsweise nochmal zukommen lassen könnte. Und das Velo checken. Die rechte Bremse funktioniert nicht. Ja super, das muss also auch noch in die Reparatur. Ich dreh gleich durch! 

Freitag. Fussballtraining von Kind Zwei fällt aus. Sonst nichts. Puh. Wochenende. Geburtstagsparty von Max. Also noch ein Geschenk für Max besorgen. SMS an seine Mutter: «Womit könnte man ihm eine Freude machen?» Max hat einen Geschenkkorb bei Toys’R’us, ob ich die entsprechende Whats­App­-Nachricht nicht bekommen habe. Klar hab ich. Ich hab sie ignoriert. Vermutlich weil ich nicht weiss, was ein Geschenkkorb bei Toys’R’us ist. Was solls. Geh ich eben dort vorbei, die werden mir das schon sagen können.

Vielleicht können sie ja auch ein Velo reparieren. So oder so werde ich durch die Babyabteilung schlendern und mich voller Wehmut an die Zeiten erinnern, in denen ich zwar ständig übermüdet war und zu nichts kam ­ aber in denen es wenigstens diese verdammte Pinnwand noch nicht gab!

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Sandra C.