Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Der Terror in der Welt meines Kindes

22 Menschen starben beim Anschlag nach dem Konzert der US-Popsängerin Ariana Grande in Manchester. Viele davon sind Jugendliche und Kinder. Grande unterbricht ihre Tour, kommt nicht nach Zürich. Die Enttäuschung der Tochter von Sandra C. ist gross. Noch grösser ist der Schock allerdings bei der Familienbloggerin: Der Terror ist in der Welt ihrer Tochter angekommen. Und sie hat keine Ahnung, wie sie damit umgehen soll.
Terroranschlag Manchester Ariana Grande Konzert
© Getty Images

Eine Mutter tröstet ihr Kind nach dem Terror in Manchester.

Meine Tochter klebt wie gebannt am TV-Bildschirm. 22 Menschen sind ums Leben kommen, als sich ein Attentäter nach dem Ariana-Grande-Konzert in der Menschenmenge in die Luft jagte. Meine Tochter hätte eines der Mädchen sein können, das im einen Moment mit ihren Freundinnen ihrem Lieblings-Popstar zujubelte, und im nächsten tot war. Oder zuschauen musste, wie eine ihrer Freundinnen in der Luft zerrissen wurde. Oder verzweifelt ihre Mutter suchte, die auf sie wartete, und die sie nach diesem Abend nie wiedersehen würde. Ich hätte eine dieser Mütter sein können, die vor dem Konzert auf ihre Tochter wartete, und nie wieder nach Hause kam. Oder ihr Kind nie wieder in die Arme schliessen kann. Bei dem Gedanken wird mir richtig schlecht.

Als ich meiner Tochter am Morgen nach dem Anschlag sagte, dass ihre Lieblingssängerin nicht in die Schweiz kommen wird, ist sie enttäuscht. Als ich ihr zu erklären versuche, was passiert ist, ist sie eine Weile lang sehr still, was sehr ungewöhnlich ist für sie. «Warum macht jemand so etwas?», fragt sie dann. Wenn ich auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, würde ich es ihr sagen. «Vielleicht, weil jemand so wütend und frustriert ist von seinem Leben, dass es ihm egal ist, wenn er stirbt. Und weil ihm jemand eingeredet hat, dass die Leute, die so leben wie wir, daran Schuld haben, dass es ihm nicht gut geht, will er so viele davon wie möglich umbringen», wage ich einen Erklärungsversuch. Den ich wohl selbst nicht so richtig glaube. Meine Tochter, sonst nur oberflächlich an Nachrichten interessiert, saugt alles auf, was in den nächsten Tagen über das Attentat berichtet wird. Ihre Welt ist zutiefst erschüttert, und dafür hasse ich die Schuldigen umsomehr. Einige Experten sind der Meinung, es sei Zufall gewesen, dass es so viele Kinder und Jugendliche erwischt habe, der Täter habe es in erster Linie auf eine grosse Menschenmenge abgesehen gehabt. Und wenn nicht? Wie krank muss man sein, um bewusst und wahllos Kinder zu töten! 

Salman Abedi heisst der Mann, der die Toten auf dem Gewissen hat, und sich zusätzlich für gut 120 Verletzte verantwortlich zeichnet. 22 Jahre alt, Sohn von libyschen Flüchtlingen, in Grossbritannien geboren. «Was heisst Flüchtling?», fragt mein Sohn. In ihrem Land herrsche Krieg und sie gehen in ein anderes Land, und hoffen, dort bleiben zu können, erkläre ich. «Und dann tötet der Sohn von denen Leute in dem Land?», fragt meine Tochter ungläubig. Gewisse Tatsachen kann man nicht schönreden. Die Medien reden von «Radikalisierung» und von «nicht geglückter Integration». Von «verdammt krank im Hirn» spricht irgendwie keiner. Klar, man siehts jemandem nicht an. Aber man schaut auch furchtbar gern weg, wenns unangenehm wird. Wir schauen erst, wenn es zu spät ist. Wenn die Bombe explodiert ist. 

Ob das etwas mit der Religion zu tun habe, fragt meine Tochter. Sie hat auch Freundinnen und Freunde muslimischen Glaubens. Ja und nein. «Die Religion dient als Rechtfertigung. Wer sonst keinen Grund findet, tötet im Namen Allahs.» Ihre ausländischen Freunde würden so etwas nie tun, sagt sie. «Deine Freunde leben mit uns, sprechen Deutsch, haben Schweizer Freunde, akzeptieren, dass wir Weihnachten feiern, auch wenn sie selbst das nicht tun. Aber es gibt eben solche, die das Leben, wie es in ihrem eigenen Land ist, für das einzige Richtige halten, selbst wenn sie hier wohnen oder sogar hier geboren wurden. Sie lernen die Sprache ihres Gastlandes nicht und wollen auch nichts mit den Leuten zu tun haben, sondern verkehren nur unter sich selbst. Man sagt dem Parallelgesellschaft.» - «Und warum dürfen die überhaupt hier wohnen», fragt meine Tochter. Das ist eine gute Frage. Würde sich ein Gast in meinem Haus so benehmen, würd ich ihn rausschmeissen. Vor allem, wenn ich schon mal erlebt habe, dass ein Gast, der sich zuvor so verhalten hat, austickt und bei mir daheim alles kurz und klein schlägt. 

«Dann wäre es doch eigentlich ganz einfach», sagt meine Tochter. «Die, die mit uns leben, können bleiben. Die, die gegen uns leben, müssen gehen.» Dem habe ich nichts hinzuzufügen. 

Im Dossier: Alle Blogs von Sandra C.