Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

(K)eine Frage des Alters

Wer sind die besseren Mütter - die, die einigermassen jung Kinder bekommen, oder die, die damit warten, bis sie mit beiden Beinen fest im Leben, in der Beziehung, in der Karriere stehen? Familienbloggerin Sandra C. hat sich eigentlich nie Gedanken darüber gemacht und ihre Kinder ziemlich planlos in die Welt gesetzt. Heute fragt sie sich manchmal, ob sie als Mutter anders wäre, hätte sie noch ein bisschen damit gewartet. 
Junge Mutter und Kind am Strand
© Getty Images

Wann ist das richtige Alter, um ein Kind zu bekommen? Sandra C. hat sich diese Frage auch schon gestellt.

Es war vor gut zwei Wochen. Ich kam gerade aus dem Büro. Auf dem Trottoir vor dem Gebäude wälzte sich ein laut kreischendes kleines Mädchen, etwa zweijährig. Die Mutter, Ende dreissig und mit ihrem Latein schon ziemlich am Ende, zog die Kleine am Ärmel und versuchte, sie zum Aufstehen zu bewegen. Ich konnte mir ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Die Mutter fuhr mich genervt an: «Warte nur, das steht dir alles noch bevor!» Ich musste laut lachen. «Im Gegenteil. Das habe ich alles schon längst hinter mir!» 

Laut Bundesamt für Statistik war vergangenes Jahr fast ein Drittel der erstgebärenden Schweizerinnen über 35 Jahre alt. Das Durchschnittsalter beim ersten Kind steigt stetig. Die Gründe liegen auf der Hand: Frauen planen heute ihr Leben anders. Sie studieren, arbeiten, reisen bevor sie sich an die Familienplanung machen. Und: Das gleiche gilt für Männer. Eine Frau, die Mitte zwanzig einen etwa gleichaltrigen Partner hat, wird bei ihm kaum auf einen ausgeprägten Kinderwunsch stossen. Die Welt gesehen, Karriere gemacht, Partnerschaft gefestigt. Eigentlich müsste man tatsächlich meinen, späte Mütter gingen sehr viel gelassener an ihre Mutterrolle heran als junge. Ist das so? «Ältere Mütter sind die Exzessivsten!», meinte kürzlich eine kinderlose Freundin. «Weil sie so lange mit dem Kinderkriegen gewartet haben, wollen sie jetzt möglichst alles perfekt machen.» Da könnte ein Körnchen Wahrheit drin stecken. Denn wenn Frauen spät Kinder bekommen, passen die meist in einen sorgfältig konstruierten Lebensplan. Klar, dass man dann auch für das «Projekt Kinder» einen solchen hat, und sehr genaue Vorstellungen davon, wie der Nachwuchs zu erziehen ist. Das ist nichts Schlechtes - ich hätte mir manchmal gewünscht, nicht ganz so planlos durchs Leben zu gehen.

Ich habe meine Kinder ohne jeglichen Plan in die Welt gesetzt. Ich war nicht mehr sehr jung, aber für heutige Massstäbe doch einigermassen jung. Nein, sie waren keine «Unfälle», aber ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, warum jetzt, ob und wie die Kinder sich auf mein Leben und meine Karriere auswirken. Ob es besser wäre, zehn Jahre zu warten. Oder fünf. Im Nachhinein gesehen wäre vielleicht der eine oder andere Gedanke mehr zu dem Thema ganz nützlich gewesen. Ein Plus, wenn man relativ früh Kinder kriegt: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Mutterinstinkt mit dem Alter abnimmt. Böse gesagt: Jüngere Mütter erziehen nach Instinkt, ältere mit Ratgebern. Wobei ich sagen muss, dass auch der Instinkt manchmal zu wünschen übrig lässt. Und es wirklich gute Ratgeber für Mütter gibt. Hab ich gehört - wirklich gelesen habe ich keinen. Vermutlich wärs gescheiter gewesen, ich hätte das mal getan - dann hätte ich vielleicht gemerkt, dass mein Sohn eine Ohrenentzündung hat, bevor diese schon fast wieder vorbei war. Im Übrigen kann man auch die viel gelobten physischen Vorteile, die jüngere Mütter haben sollen, in der Pfeife rauchen. Ich hab auf dem Spielplatz schon welche Anfang zwanzig gesehen, die ihren Nachwuchs kaum aus dem Sandkasten heben mochten, und solche Anfang vierzig, die ihren zuoberst vom Kletterturm holten.

Was ich aber tatsächlich beobachte in meinem Freundes- und Bekanntenkreis: Je älter Eltern sind bei der Geburt ihrer Kinder, desto unflexibler sind sie. Das hat vielleicht damit zu tun, dass späte Eltern weniger egoistisch sind und eher bereit dazu, die eigenen Bedürfnisse hinter die der Kinder zu stellen. Ich hatte einfach nie Lust dazu, am schönsten Sommertag zwei Stunden zu Hause zu hocken, damit die Kinder in ihren eigenen Betten Mittagsschlaf halten konnten. Sie schliefen in der Badi, im Café oder halt eben mal gar nicht. Ich fand es auch nie tragisch, wenn sie eine halbe Stunde vor dem Essen noch eine Banane verschlangen. Dann assen sie halt ein bisschen weniger. Und als mein Sohn ein halbes Jahr vor Kindergarteneintritt immer noch nicht trocken war, machte ich mir zwar schon Gedanken darüber - aber keine ernsthaften Sorgen. Ich habe einfach immer auf meine Instinkte vertraut - und vor allem auf die meiner Kinder. Wenn sie müde sind, schlafen sie. Wenn sie Hunger haben, essen sie. Und wenn sie bereit sind dafür, werden sie trocken. Mein Sohn war halt erst im Sommer vor dem Kindergarteneintritt dafür bereit. Kein Drama. Klar frage ich mich manchmal, ob ich zu locker war. Vielleicht würde meine Jungmannschaft heute nicht so oft das Gesicht verziehen am Tisch, wenn ich da mal richtig durchgegriffen hätte. Handkehrum können sich meine Kinder auswärts tadellos benehmen. Böse Zungen behaupten also, ihr Gemäkel an meinem Essen liege tatsächlich an meinem Essen… Ob ich als Mutter anders wäre, wenn ich mein erstes Kind zehn Jahre später - also ungefähr jetzt - bekommen hätte? Ganz ehrlich: Ich glaube nicht. Aber vermutlich liege ich da falsch.

Übrigens habe auch ich meine auf dem Trottoir liegende, kreischende Zweijährige schon hilflos am Ärmel gezogen, und ich war noch keine dreissig. Und über die schadenfroh Grinsenden habe ich mich abwechselnd masslos aufgeregt oder mich zu entschuldigen versucht («Sie ist müde»). Zumindest das wäre heute anders. Für die hätte ich nämlich genau zwei Worte übrig: «Verzieht euch!»  

Weitere «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs finden Sie im SI-online-Dossier.