Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Weg mit dem Körperkult-Dogma!

Seit einiger Zeit sorgt ein Film für Gesprächsstoff: «Embrace – du bist schön» ist eine Kampfansage an den heutigen Schönheitskult. Fast keine Frau und kein Mädchen ist wirklich mit ihrem Körper zufrieden. Familienbloggerin Sandra C. ist es auch nicht – und ist damit kein gutes Vorbild für ihre Kinder.
Embrace Film Taryn Brumfitt
© bodyimagemovement.com / Taryn Brumfitt

Taryn Brumfitt vor und nach ihrer Lebensumstellung.

Ich war ein dünnes Kind und bis zwanzig konnte ich essen, was ich wollte, ohne ein Gramm zuzunehmen. Irgendwann hat sich das geändert, und mittlerweile habe ich das Gefühl, ich müsse ein Stück Kuchen nur anschauen, schon habe ich es als Speckrolle um den Bauch. Ich verzichte darum öfter mal auf dieses Stück Kuchen. Aber warum eigentlich? Geht’s mir besser, wenn ich weniger wiege? Ist diese Zahl auf der Waage wirklich für mein Glück verantwortlich? Oder für meinen Erfolg?

Zumindest gaukelt uns die Gesellschaft das vor, sagt die Australierin Taryn Brumfitt im Film «Embrace». Die dreifache Mutter postete gern und oft Fotos ihres durchtrainierten Bodys auf den Sozialen Netzwerken – bis sie keine Lust mehr hatte, ihre Zeit für Training und Diäten herzugeben, sondern sich lieber anderem widmete. Monate später veröffentlichte sie Bilder von ihrem Körper, wie er ohne Training und Diät geworden war: Nicht dick, aber nicht mehr so muskulös und mit dem einen oder anderen Speckröllchen. Diverse Umfragen aufgrund der Doku ergaben: Fast keine Frau ist mit ihrem Körper zufrieden. Offenbar ist es tatsächlich so, dass wir uns an total unrealistischen Vorbildern – sprich: Models, Popstars, Hollywoodstars – orientieren, und sich sogar die Bodenständigsten unter uns von diesem Dogma beeinflussen lassen. Zum Beispiel ich. Ich muss zugeben, dass ich immer wieder mal neidisch in ein Heftli oder auf den TV-Bildschirm schiele, obwohl ich weiss, dass es schlicht bescheuert ist, mich mit meinen über 40 Jahren mit einem knapp zwanzigjährigen Model zu vergleichen. Und an den Tagen, an denen ich mich ganz furchtbar finde, beschliesse ich, nie wieder Kohlenhydrate zu mir zu nehmen und kaue zum Znacht an einem Salat herum – im Wissen, dass ich hungrig ins Bett gehen werde und im Wissen, dass ich wegen diesem einen Salat kein Gramm abnehme. Und – was viel schlimmer ist – im Wissen, dass ich meinen Kindern in Sachen «Body Positivity» ein schlechtes Vorbild bin.

Ich schreibe bewusst Kinder und nicht Tochter, denn auch Männer und Buben sind nicht davor gefeit, sich in ihrem Körper nicht wohl zu fühlen. Bei meinem Sohn beschränkt sich das zwar im Moment noch auf seine rötlichen Haare und seine Sommersprossen, aber im Grunde macht das keinen Unterschied: Wenn meine Kinder mitbekommen, dass ich komische Dinge mache, weil ich mich nicht so akzeptiere, wie ich ohne diese komischen Dinge bin, wie sollen sie dann lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind? Gerade meine pubertierende Tochter, deren Körper sich im Moment so schnell ändert, dass sie kaum mehr nachkommt, kann ganz bestimmt keine Mutter brauchen, die vor ihren Augen um vermeintliche – und unerreichbare – körperliche Perfektion kämpft. Ich werde meinen Kindern also in Zukunft zu vermitteln versuchen, dass ich es zwar als wichtig erachte, einigermassen gesund und fit durchs Leben zu gehen, aber dass weder die Zahl, die auf ihrer Waage steht, noch ihr Hüftumfang noch Haarfarbe oder Sommersprossen sie glücklich oder unglücklich machen, sondern ganz allein die Tatsache, dass sie geliebt werden – auch von ihnen selbst.

Im Dossier: Alle Blogs von Sandra C.