Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Verlustängste eines Teenagers

Mütter von Teenagern tun sich oft schwer damit, diese loszulassen. Dabei haben auch die Teenies selbst Verlustängste. Bei der Tochter von Sandra C. äussern sich diese in Alpträumen. Die Familienbloggerin gesteht, dass sie sich ein kleines bisschen freut, dass sie nicht die einzige ist mit Ablösungs-Schmerz. Auch wenn sie die Selbstständigkeit ihrer grossen Kleinen durchaus zu schätzen weiss.
Symbolbild Blog Sandra C. Ertrinkende Frau
© flickr.com/martin.mutch

«Scheissescheissescheisse, wie kann man nur so dämlich sein wie ich!», entfuhr es mir, zugegebenermassen ziemlich laut, als mir beim Ausräumen der Spülmaschine bereits das zweite Glas aus den Händen rutschte und am Boden zerschellte. Nichtsahnend - die Scherben hatte ich längst zusammengewischt und meine Wut auf mich selbst hatte sich gelegt - ging ich etwas später ins Zimmer meiner Tochter, um ihr Znüni-Tupperware einzusammeln. Ich fand sie in Tränen aufgelöst auf ihrem Bett. «Um Himmels Willen, was ist denn passiert?», fragte ich bestürzt. «Bring dich nicht um! Du darfst dich nicht so fest über dich aufregen, dass du dich umbringst», schniefte sie. «Äääääh - was?????» Ich war irgendwo zwischen total geschockt und belustigt. «Wie kommst du denn auf sowas?»

Böse Träume

Da erzählte sie mir das, womit sie am selben Morgen nicht rausrücken wollte. Sie hatte mir lediglich gesagt, sie hätte schlecht geträumt. «Ich hab geträumt, dass du dich ertränkt hast! Und wenn du so fest über dich selbst schimpfst, hab ich Angst, dass du das wirklich machst!» Ach herrje. Nun bin ich zwar keine Traumdeuterin, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Träume fast immer symbolisch sind und selten genau das bedeuten, was in ihnen geschieht. Woher ich das wissen wolle, fragt meine Tochter. «Aus eigener Erfahrung. Als ich mit deinem Bruder schwanger war, habe ich geträumt, dass du in einem Liftschacht stehst und von oben kommt der Lift. Ich stand daneben und schrie, aber konnte nichts machen.» - «Und?» - «Na ja, du warst damals etwas über ein Jahr alt. Heute bist du fast 13 und wurdest offensichtlich nicht vom Lift zermatscht.» - «Und warum, glaubst du, hast du das geträumt?» - «Weil ich unterbewusst Angst hatte, dass du untergehst, wenn noch ein Baby da ist. Ich fürchtete, ich könnte euch beiden nicht gerecht werden.» - «Und was bedeutet dann mein Traum?»

Wie gesagt, ich bin keine Expertin, aber ich würde sagen, es handelt sich eindeutig um Verlustängste. Als meine Eltern sich trennten, hatte ich wochenlang fast jede Nacht geträumt, mein Vater sei erstickt. Dass meine Tochter in den letzten paar Wochen einen grossen Schritt in Sachen Selbstständigkeit gemacht hat, ist mir bereits aufgefallen. So hat sie ihren Stundenplan immer öfter selbst im Griff, weiss, ohne dass ich sie daran erinnern muss, was sie wann dabeihaben muss und wann sie wo sein muss. Sie fährt selbstständig Bus und Zug, besorgt sich ihr Schulmaterial selbst, organisiert ihre Freizeit. Und offenbar macht ihr das alles doch mehr Sorgen, als sie sich das bewusst ist. Dazu kommt, dass sie im Sommer in die Oberstufe kommt, ihre Klasse wird sich auflösen, ihre Freundinnen und sie an unterschiedlichen Orten zur Schule gehen. Seit Tagen rennt sie zum Briefkasten, um nachzuschauen, ob die Klassenzuteilung schon gekommen ist, und ob sie wenigstens mit einer ihrer Freundinnen in der gleichen Klasse ist.

Ciao, Babykleider, Taufkerzen und Spielsachen!

Ich muss gestehen: so ein ganz kleines bisschen freut es mich, dass sie doch auch einen gewissen Ablösungs-Schmerz spürt - und nicht nur ich! Ich wollte das ja eigentlich niemandem erzählen, aber da es jetzt schon eine Weile her ist, und ich weiss, dass ich nicht die einzige bin, die manchmal Mühe hat mit Loslassen, tu ichs doch: Vor ein paar Monaten, als ich für den Umzug den Keller räumte, und Babykleider, Taufkerzen und ausgediente Spielsachen sortierte, hab ich sicher zwei Stunden heulend in diesem Keller verbracht. Weil meine Kleine nie wieder ein rosa Prinzessinnenkleid tragen wird (hoffentlich…). Weil sie in der Badi nie wieder auf Zehenspitzen stehend und mit grossen Kulleraugen um ein Glacé betteln wird. Weil ich ihr nie wieder zwölfmal hintereinander Mani Matters «Iisbär» vorsingen muss, damit sie einschlafen kann (wer hätte damals gedacht, dass ich das je vermissen würde). Aber eben - auch sie hat offenbar gemerkt, dass Kulleraugen nicht mehr reichen, um zu bekommen, was man will. Und dass Selbstständigkeit ja schön und gut ist - aber die Zeiten, in denen einem das Mami alle Verantwortung abgenommen hat, doch auch ganz schön waren.

Da sitzen wir nun also, meine Teenager-Tochter und ich, und trauern den alten Zeiten nach - ich bewusst, sie eher unbewusst. «Ich finds schön, dass du so selbstständig bist», sage ich zu ihr. «Und dieser Traum bedeutet, dass ich das zulasse. Dass es gut ist, wenn du dein eigenes Ding machst. Ich habe keine Angst um dich. Und du darfst keine um mich haben. Ich bin immer da. Ob du willst oder nicht.» Sie wischt sich die Tränen ab und grinst. «Super. Kannst du mich zu Emma fahren?»

Im Dossier: Alle Blogs von Sandra C.