Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Habt Gnade mit den Lehrern

Nächste Woche heissts für die Kinder von Familienbloggerin Sandra C. wieder: Ab in die Schule. Die beiden haben das Glück, von «richtigen», ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet zu werden. Das ist schon lange nicht mehr überall so.
Kind streckt in der Schulstunde auf
© RDB/Keystone/Dominic Favre

Der Lehrerberuf scheint heute in der Liste der beliebtesten Jobs ganz weit nach unten gerutscht zu sein.

Seit Jahren gibts die selben Schlagzeilen vor Beginn des neuen Schuljahres: Lehrermangel! Was früher als Traumberuf galt mit überschaubaren Arbeitszeiten, langen Ferien und hohen Löhnen, scheint heute in der Liste der beliebtesten Jobs ganz nach unten gerutscht zu sein. Kein Mensch will mehr Kids unterrichten. Lehrerinnen und Lehrer seien heutzutage überlastet, überfordert und unterbezahlt, heisst es. Das mag stimmen: Klassen von bis zu dreissig Schülerinnen und Schülern mit verschiedensten Migrationshintergründen. Eltern, die sich entweder gar nicht oder viel zu viel kümmern. Dank integrativer Förderung (sehr starke und sehr schwache Schüler werden innerhalb der Klasse betreut, beziehungsweise gefördert) reicht eine Lehrperson pro Klasse in den seltensten Fällen aus. 

Die Konsequenz: Viele Schulen stellen Lehrerinnen und Lehrer an, die eigentlich gar keine sind. In diversen Kantonen können Lehrer ohne Patent angestellt werden, wenn auch befristet und für einen tieferen Lohn. Ein toller Gedanke für Eltern! Dabei geht es nicht unbedingt darum, ob diese «unechten» Lehrpersonen den Kindern nun fachlich etwas Falsches beibringen - auch wenn das selbstverständlich auch nicht tolerierbar ist. Vielmehr geht es um soziale Kompetenzen. Es reicht nicht mehr, eine kleine Kabbelei auf dem Pausenplatz zu schlichten. Lehrer müssen heutzutage in der Lage sein, auf jedes Kind individuell einzugehen. Sie müssen Mohammed die Hausaufgaben so erklären können, dass er versteht, was er machen muss, denn die kaum deutsch sprechenden Eltern kann er nicht um Rat fragen. Dem hoch begabten Yannick müssen sie Zusatzaufgaben geben, die ihn interessieren, sonst steht er während der Mathestunde gelangweilt auf seinen Stuhl und fängt an laut zu singen. Und Lilly müssen sie erklären können, warum ihr vor dem Unterricht das Handy konfisziert wird. Facebook, Instagram und Cybermobbing dürfen keine Fremdwörter für sie sein. Sie müssen einen Weg finden, mit Störenfrieden umzugehen. Das gute alte Vor-die-Tür-Schicken ist ein No-Go. Was, wenn das Kind nach Hause geht - oder irgendwo anders hin - und niemand ist dort? Verletzung der Aufsichtspflicht. Auch Nachsitzen und Strafaufgaben tragen heutzutage kaum mehr Früchte - bereits Siebenjährige zeigen sich erstaunlich unbeeindruckt davon. Und Kollektivstrafen gehen sowieso gar nicht. 

Und dann sind da noch die Eltern. Sie beklagen sich, dass Noah nur eine Fünf in Deutsch hat, Lara neben Murat sitzen muss oder Roman für fünf Minuten in die Ecke musste, er ist doch zu Hause immer so ein Lieber und man kann sich überhaupt nicht vorstellen dass das in der Schule anders sein soll. Da behaupte ich von mir, relativ locker zu sein. Die Noten, die meine Kinder nach Hause bringen, werden sie verdient haben. Wenn meine Tochter mit ihrem Wochenziel-Plan anrückt, auf dem steht «Ich schwatze nicht immer rein, sondern strecke auf», weiss ich mit ziemlicher Sicherheit, dass dieses Ziel nicht aus der Luft gegriffen ist. Und wenn mir ihr Lehrer beim Elterngespräch sagt: «Eigentlich redet sie die ganze Stunde, aber irgendwie kriegt sie trotzdem alles mit», macht mich das zwar fast ein bisschen stolz, ich rede ihr aber trotzdem ins Gewissen. Und wenn sie eine Strafaufgabe kassiert, weil sie einem Freund, der an der Wandtafel schwitzte, zurief «Houston, wir haben ein Problem: Zu wenig Talent!», finde ich das zwar etwas übertrieben (ich meine, lustig ist der Spruch schon, oder?), aber sie wird keinen bleibenden Schaden davontragen. Also, liebe Eltern, habt Mitleid mit den Lehrerinnen und Lehrern eurer Kids. Und seid froh, haben sie welche. Das ist nämlich gar nicht mehr selbstverständlich.

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