Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Schweiz und ihre Kinder

Am 30. November stimmen wir unter anderem über Ecopop ab. Wieder so eine Angstmacher-Intitative, findet Sandra C. Seit sie Kinder hat, denkt die Familienbloggerin beim Urnengang nicht mehr in erster Linie an sich selbst, sondern daran, in was für einem Land ihr Nachwuchs dereinst leben soll.
Themenbild Schweiz Kind Freiheit
© iStockphoto/Getty Images

Sandra C. wünscht sich für ihre Kinder, dass sie in in einer selbstbewussten Schweiz aufwachsen. Nicht in einem von Angst geprägten Land.

Ich bin in einem Sozi-Haushalt aufgewachsen. Das Jahr 1989 ist mir als eines in Erinnerung, in dem ich mir unzählige Vorträge über die Unnötigkeit der Schweizer Armee anhörte - und mir mit leichter Verwunderung den Frust meiner Mutter ansah, als die Volksinitaive zu deren Abschaffung abgelehnt wurde (wobei sie es ein paar Jahre später mit erstaunlicher Fassung trug, dass sich mein Bruder dem «Verein» freiwillig anschloss). Und als 1992 der EWR-Beitritt abgelehnt wurde, hat sie geweint. Da hab ich sie verstanden. Hätte ich abstimmen dürfen, hätte ich damals auch ein Ja in die Urne gelegt. Schliesslich kann man es sich als kleines Land mitten in Europa nicht leisten, nicht dazuzugehören, fand ich.

Heute, 22 Jahre später, bin ich vermutlich nicht die einzige «Bekehrte», welche der Nicht-Zugehörigkeit der Schweiz zur EU durchaus ein paar Vorteile zusprechen kann. Überhaupt ist das mit der politischen Orientierung gar nicht mehr so einfach, seit ich Kinder habe. Galt für mich als Zwanzigjährige beim Abstimmen vorwiegend die Überzeugung meiner Eltern (beide der «Hippie-Generation» entsprungen) - möglichst weltoffen, friedlich und so, dass mir auch mit einem Schweizer Pass weltweit die Türen offen stehen - überlege ich heute vor dem Urnengang ganz anders: In was für einer Schweiz sollen meine Kinder aufwachsen, leben und arbeiten? Was für ein Bild sollen sie von ihrer Heimat haben?

Ganz ehrlich: Ich finds auch nicht soooo toll, dass sie einer Generation angehören, in der in unserem Land die Bevölkerung vor allem durch Zuwanderung wächst und nicht durch Geburten. Aber noch blöder finde ich, dass wir dieser Generation mit unseren Abstimmungen in den vergangenen Jahren das Gefühl geben, alles lasse sich dadurch lösen, dass wir das Fremde bekämpfen. Wenn wir schauen, welche Volksinitiativen in den vergangenen Jahren angenommen wurden, bringt mich das schon ins Grübeln: Masseneinwanderung, Minarett-Verbot, Ausschaffungsinitiative. Eine Initiative, welche, statt uns gegen aussen zu wehren, uns innen stärken würde - sprich: uns Schweizerinnen das Kinderkriegen wieder attraktiver zu machen - sucht man vergebens. Und Ecopop bläst mal wieder ins genau gleiche Horn. Bei 0.2 Prozent ist Schluss, sonst zertrampeln die Ausländer unsere Umwelt. Dafür investieren wir zehn Prozent der Kohle für internationale Entwicklungszusammenarbeit «zur Förderung der freiwilligen Familienplanung». Wie weitsichtig: Wir schauen, dass es nicht mehr so viele Ausländer gibt, dann wollen auch nicht mehr so viele zu uns kommen. Nein, auch ich bin nicht für uneingeschränkte Zuwanderung - aber das geht auch ohne Ecopop. Und ohne Angstmacherei.

Ich will, dass meine Kinder dereinst in einer starken, selbstbewussten Schweiz leben, nicht in einem reaktionären, von Angst geprägten Land. Ich wünsche mir, dass in ihre Ausbildung investiert wird, so, dass ihnen später in ihrer Heimat die Türen für einen guten Job offen stehen. Ich hoffe, dass sowohl meine Tochter als auch mein Sohn hier irgendwann eine Familie gründen, und diese mit all ihren anderen Zielen und Träumen vereinbaren können, wenn sie das wollen. Ich möchte, dass sie stolz sein können auf ihre Heimat, dieses kleine Land mitten in Europa, das manchmal tatsächlich den Mut hat, seinen eigenen Weg zu gehen - aber nicht auf Kosten seiner Kinder.

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