Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Buben-Liste

Die vierfache Jungen-Mutter Rita Templeton hat eine Liste erstellt, was es bedeutet, wenn es bei der Geburt heisst: «Es ist ein Bub!» Sandra C. hat zwar nur einen davon, findet aber, die Liste trifft den Nagel auf den Kopf, und klaut sie deshalb für diesen Blog. Die Erfahrungen dazu sind ihre eigenen - und ausserdem hat die Familienbloggerin zu Hause noch ein Exemplar des anderen Geschlechts zum Vergleich.
Junge Kind Sohn Frech Lustig
© Getty Images

Jungs sind anders, weiss Familienbloggerin Sandra C.

#1 - DU MUSST BADEN LIEBEN
Nein, Frau Templeton meint nicht ausgedehnte Schaumbäder mit einem guten Buch in der Hand. Auch wenn ich das immer wieder mal versuche. Nach spätestens fünf Minuten hockt mein Sohn mit im Bad und haut mir ein Playmobil-Boot um die Ohren. Tatsache ist: Buben sind immer dreckig. Egal, wo sie waren, egal was sie gegessen haben (ich versuche, ihn im Restaurant jeweils zu heller Sauce oder Vanilleglacé zu überreden, damit man das Geschmiere nicht auf den ersten Blick sieht, aber es MUSS Tomatensauce und Schoggiglacé sein, immer). Männliche Kinder müssen also mehr oder weniger täglich gründlich gereinigt werden. Und je älter sie werden, desto grösser ist die Sauerei danach. Gratis-Tipp: Immer darauf achten, was für Spielzeuge sie mit ins Bad nehmen. Gegenstände, die grösser als Pingpongbälle sind, unbedingt entfernen (Ein Tennisball aus der Höhe eines in der Wanne stehenden Siebenjährigen ins Badewasser geschmettert leert die halbe Wanne…) Mein nicht-männliches Kind duscht übrigens lieber, und wenn sie allein badet, spielt sie mit ihren Meerjungfrauen-Barbies (Ja, ich weiss, typisierte Geschlechterrollen und so. Aber die Sauerei ist wesentlich kleiner als bei Lego-Schlachtschiffen oder wenn man(n) ausprobieren muss, ob der Badewannenrand auch als Rutschbahn funktioniert.) Wenn sie allerdings zusammen in der Wanne hocken, gewinnt das Testosteron überhand - und das Gesaue ist gigantisch! Erst vor Kurzem passiert: Geschrei aus dem Badezimmer: «Maaaaaaami, sie hat mir Schaumwasser angeschmissen!» - «Er mir auch!» - «Ja, aber sie hat getroffen!» 

#2 - REDE DIR EIN, FURZEN SEI LUSTIG
Irgendwie muss auf dem Y-Chromosom verankert sein, dass Geräusche aus jeglichen Körperöffnungen zum Totlachen sind. Meine Tochter findet sie peinlich und versucht sie zu vermeiden. Mein Sohn rief schon im zarten Alter von zwei Jahren nach einem herzhaften Görps begeistert: «Ha mit em Mul gfurzt!» Und ja, er macht mit seinen Freunden Furz- und Rülps-Wettbewerbe. Und ganz ehrlich, Frau Templeton, ich finde das nicht besonders witzig. Aber ich arbeite an mir. 

#3 - STELL DICH AUF EINEN EWIGEN TOILETTENKRIEG EIN
Mein Sohn war etwa Fünf, es war Winter und wir in einem Restaurant Mittagessen, bevor er nachmittags wieder in die Skischule ging. Kurz vor Beginn ging er schnell aufs WC. Aus dem kam Minuten später ein herzhaftes «Oh Scheisse!» Ich ging nachsehen - auch wenn ich mich sonst eher selten in Männer-Klos rumtreibe - und da stand er, mit runtergelassenen Skihosen, langen und normalen Unterhosen, alles klatschnass, so wie auch der Boden um ihn herum. Das knapp 110-Zentimeter-Kind hatte versucht, ins Pissoir zu pinkeln! Das mit den Männer-Klos war übrigens gelogen. Wenn ichs mir recht überlege, treibe ich mich ständig dort rum. Zuerst, weil er nicht allein aufs WC wollte, aber ums Verrecken nicht mit mir auf die Frauen-Toilette. Und dann, weil irgendwie doch immer was ist: Er kriegt den Hosenknopf nicht auf, findet die Spülung nicht oder es hat kein WC-Papier mehr. Und ja, auch zu Hause merkt man immer, wenn Junior vor einem auf dem Klo war. Jetzt, da er lesen kann, sollte ich vielleicht eine Liste an der Tür anbringen: 1. Im Sitzen pinkeln! 2. Zielen! Auch im Sitzen! 3. Das gilt vor allem für die erste Toiletten-Sitzung am Morgen! (Ding runterdrücken!)

#4 - ÜBERDENKE DEINE SICHERHEITSSTANDARDS
Mein erstes Kind war ein Mädchen. Sie fing bereits mit zehn Monaten an zu laufen, was ich relativ anstrengend fand, da sie sich immer so auf ihre Füsse konzentrierte, dass sie nie schaute, wo sie hinrannte. Als mein Sohn anfing, mobil zu werden, wurde ich eines Besseren belehrt: Das war noch gar nichts. Noch bevor er laufen konnte, fing er an, zu klettern. Auf alles. Hoch kam er immer - aber selten wieder runter. Was ich von meiner Älteren überhaupt nicht gewohnt war, da diese eher vorsichtig war und sich erst irgendwo herauftraute, wenn sie sich sicher war, dass sie auch wieder runterkam. Noch heute bleibt mir regelmässig fast das Herz stehen, wenn er von Mauern springt, mit Velo, Scooter oder Skateboard Treppen runterbrettert oder mit Ski oder Snowboard Halfpipes und Waldschneisen. Aber ich habe gelernt, nicht zu viel zu überlegen und in den richtigen Momenten wegzuschauen. 

#5 - WUNDERE DICH NICHT ÜBER DRAMA
Lasst euch gesagt sein: Jungs sind die grösseren Drama-Queens als es Mädchen je sein werden! Meine Tochter kommt selten in Tränen aufgelöst angelaufen - mein Sohn gefühlt etwa jede halbe Stunde. «Ich verbluuuuuuuuute!» Es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis ich die winzige Schürfung an seinem grossen Zeh überhaupt entdeckte. Ausserdem habe ich von meiner Älteren noch nie verzweifelt geheulte Sätze gehört wie «Ich bin der dümmste Mensch der Welt!» oder «Alle können das, nur ich nicht!» Ganz zu schweigen von den regelmässigen Dramen bei den Hausaufgaben, wenn der Spitzer nicht funktioniert oder er das Lineal nicht findet.

#6 - STELL DICH AUF UNORDNUNG EIN
Meine Kinder teilen sich ein Zimmer, jedes ist für seine Hälfte zuständig. Nun wäre es unfair zu sagen, dass das weibliche Kind ein Ausbund an Ordnung ist. Aber in ihrer Hälfte dauert eine Aufräum-Aktion jeweils gut zehn Minuten. Das männliche Kind steht zuerst mal gut zehn Minuten rum und überlegt sich, wo es überhaupt anfangen soll. Dann stopft er meist alles, was auf dem Boden rumliegt, in irgendwelche Schubladen, was auch schon gut und gern 20 Minuten dauert. Und könnt ihr euch das Drama vorstellen, wenn ich Schubladen wieder ausräume? Ausserdem schafft er es auch mit siebeneinhalb Jahren noch, dass gefühlte 50 Prozent seiner Mahlzeiten auf seinen Klamotten landen, die Hälfte der Zahnpasta beim Zähneputzen in seinem Gesicht und dass man ihn auf seinen Wegen durchs Haus immer verfolgen kann anhand von Brösmeli, Babybel- oder Kaugummipapierli. 

#7 - DU MUSST STÄNDIG VIEL ZU ESSEN HABEN
Der Menüplan meines Siebeneinhalbjährigen an einem normalen Tag gefällig? Frühstück: mindestens drei Portionen Cornflakes (an freien Tagen bis zu sieben!), ein Joghurt, ein Ei, ein Stück Brot. Znüni: eine Packung Darvida, ein Apfel, ein Rübeli, ein Trinkjoghurt, ein Babybel. Mittagessen: Eine grosse Portion Pasta mit Tomatensauce (grösser als meine!), einen Teller Salat (wobei er im Hort bis zu drei Teller davon verschlingt, hab ich mir sagen lassen). Zvieri: Ein Birchermüesli, wenns genug hat auch zwei, eine Schale geschnittene Früchte, eine Schale Reiswaffeln. Abendessen: Zwei Stück Fleisch, wenn es ihm sehr schmeckt isst er auch meins noch, eine Portion Gemüse, eine Portion Reis und dann wird sofort nach Dessert geschrien. Den Satz «Ich habe Hunger» höre ich ungefähr zwölf Mal pro Tag aus seinem Mund. Und das Frustrierendste dabei: Das Kind ist so dünn, dass man seine Rippen sehen kann. Würde ich so fressen wie er, wäre meine Waage schon längst explodiert!

#8 - DU MUSST DICH AUF UNMENGEN AN JEANS EINSTELLEN
Als mein Sohn noch ein Krabbelkind war, war ja logisch, woher die ständigen Löcher in seinen Hosen kamen. Heute kann ich sie mir hingegen nur noch bedingt erklären. Er rutscht ja nicht mehr ständig auf den Knien rum - oder doch? Fakt ist: Nach spätestens vier Wochen sind seine Hosen alle löchrig. Immer. Gut, ist das heute modern und ich muss keine solchen Flicken draufnähen, wie man das in meinen Kindertagen noch gemacht hat (und was ich eh nie tun würde, aus schlichtem Mangel an handwerklichem Talent). Dasselbe gilt übrigens für Socken und Schuhe. Meine regelmässigen Seufzer - «dein Velo und dein Scooter haben im Fall Bremsen!» - quittiert er mit entnervtem Augenrollen. So kommen fast nur Freundinnen mit jüngeren Mädchen in den Genuss unserer Occasions-Klamotten. Meine Tochter schafft es nämlich ohne Ausnahme, ihre Hosen löcherfrei auszutragen. (Fairerweise muss man sagen, dass das bei ihren Schuhen auch anders ist.) 

#9 - SEI COOL BEI NACKTHEIT
Während sich meine Tochter sogar zum Wechseln des Bikinioberteils in eine Garderobe zurückzieht (nein, es gibt eigentlich noch keinen Grund dafür…), macht es meinem Junior null Probleme, sich vor aller Augen seiner Klamotten zu entledigen und gern auch noch ein, zwei Extrarunden zu drehen, bevor er die Badehose anzieht. Damit, ihm Pyjamas zu kaufen, habe ich längst aufgehört. Er zieht sie ja eh nicht an. Und daran, ihn zu Hause zu bitten, sich doch wenigstens eine Unterhose anzuziehen, bevor er sich an den Frühstückstisch setzt, habe ich mich auch gewöhnt. 

#10 - DU MUSST DICH AN «DEN GRIFF» GEWÖHNEN
Ich wurde schon gewarnt, als mein Sohn sehr, sehr klein war. Kaum konnte er einigermassen zusammenhängende Sätze bilden, rief er bei jeder sich bietenden Gelegenheit: «Ich hät Schnääääääääbi!» Und wenn man ihn fragte, wofür das denn gut sei, sagte er: «zum Spielen!» Damit wäre eigentlich alles gesagt. Es gibt kaum ein Foto aus den letzten Jahren, auf dem unser jüngstes Familienmitglied (durchaus wörtlich gemeint!) nicht mindestens eine Hand im Schritt hat. Für mich absolut nicht nachvollziehbar: Hat er Angst, das Ding könnte abfallen oder was? Dabei bin ich durchaus erleichtert, wenn ich andere kleine Jungs beobachte: Sie machen das alle. Und sie hören irgendwann damit auf. Hoffentlich.

Die Original-Liste von Rita Templeton gibt es hier.

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