Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ausgebrannt?

Seit Neustem sollen auch Kinder an Burnout leiden. Wie gut ist eine solche Diagnose, fragt sich Familienbloggerin Sandra C. Und: Sind unsere Kinder - sind Ihre Kinder - tatsächlich so überfordert von den hohen Erwartungen an sie?
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Pubertät oder Burnout: Familienbloggerin Sandra C. ist irritiert.

«Ich mag nicht.» «Hab keine Lust.» «Ich weiss nicht.» Diese Antworten kriege ich in den letzten paar Wochen häufiger von meiner pubertierenden Tochter zu hören. Manchmal sagt sie auch, sie sei traurig, ohne dafür einen bestimmten Grund zu haben. Ich schiebe das auf die Hormone einer Pubertierenden. Und doch bin ich beunruhigt über ihre Antriebslosigkeit, ihre Null­-Bock­-auf-nichts­-Attitüde. Und dann mache ich einen Fehler: Ich frage den allwissenden Dr. Google um Rat. Was ich da finde, haut mich fast aus den Latschen: Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit ­ - das alles seien Zeichen für ein kindliches Burnout! Dies behauptet zumindest der Hamburger Kinder-­ und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort in seinem Buch «Burnout­-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert.»

Oh je. Das überfordert nun mich im ersten Augenblick. Ich muss zuerst mal nachschlagen, was das überhaupt ist, ein Burnout. «Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit» definiert Wikipedia. Und: Ein Burnout werde wissenschaftlich nicht als Krankheit anerkannt, sondern gelte als «Problem der Lebensbewältigung». Genau dafür wird es ja einen Grund geben. Es mag sein, dass für Erwachsene eine solche Diagnose tatsächlich dazu führt, das Problem zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Bei Kindern finde ich das mehr als fragwürdig. Ich bin zwar überhaupt keine Vertreterin der «Früher-war­-alles­-besser»­-Fraktion, aber wie heutzutage mit Diagnosen um sich geschmissen wird, sobald das Kind nicht ganz der Norm entspricht, finde ich echt beängstigend. Das Kind ist niedergeschlagen und überfordert? Burnout! Pille reinschmeissen und gut ist.

Klar, das fände ich auch um einiges angenehmer, als mir zu überlegen, ob meine Tochter tatsächlich chronisch überfordert ist. Und wenn ja, womit? Sind die Kinder von heute im Allgemeinen ­ und meine im Speziellen tatsächlich zu hohen Erwartungen ausgesetzt von der Familie, der Schule und der Gesellschaft, wie Schulte-Markwort behauptet? Nun, ich finde das heutige Schulsystem tatsächlich recht anspruchsvoll. Bereits Primarschüler müssen mit Wochenplänen arbeiten, mit denen ich mich nicht mal als Gymnasiastin rumschlagen musste. Schon Achtjährige kriegen Wochenziele, die sie zu erledigen haben ­ und müssen selbst entscheiden, wann sie was und wieviel machen. Und ja, ich möchte, dass meine Kinder gut sind in der Schule. Nicht, um mit ihnen zu protzen. Sondern eben wegen der viel zitierten Gesellschaft: Wer schon in der Primarschule keine guten Noten schreibt, hats später echt schwer, ob in der Schule oder im Arbeitsleben. Aber ich tue mein bestes, um meine Kinder nicht unnötig unter Druck zu setzen. Eine verhauene Prüfung ist nicht tragisch. Aber sie müssen ihre Hausaufgaben seriös machen und sich richtig auf Prüfungen vorbereiten. Ich finde nicht, dass das zuviel verlangt ist.

Ich bin keine Expertin, aber ich kenne nicht berufstätige Leute ohne grosse Verantwortung, die an einem Burnout litten. Und ich kenne Leute, die keine Probleme damit haben, viel Verantwortung (sowohl im Job als auch in der Familie) locker zu meistern. Ich glaube, dass es halt Leute gibt, die belastbarer sind als andere. Und solche, die besser Prioritäten setzen können als andere. Kinder können keine Prioritäten setzen ­ oder sie setzen sie nicht so, wie es für ihren (schulischen) Alltag angemessen wäre. Deshalb müssen wir Erwachsenen die Prioritäten setzen für unsere Kinder.

Ich selbst war eigentlich immer dafür, meine Kinder an einer möglichst «langen Leine» zu lassen. Und bisher hat das bei meiner Tochter bestens funktioniert. Sie war immer sehr zuverlässig und recht vernünftig. Aber mit dem Einsetzen der Pubertät konnte sie plötzlich nicht mehr mit ihren Freiheiten umgehen. Offenbar braucht sie jetzt, da sie ihr eigener Körper und ihre eigenen Gefühle so verunsichern, wieder sehr viel klarere Regeln und Ansagen.

Das ist anstrengend ­ auch für mich. Es war sehr viel angenehmer, einen kurzen Kontrollblick auf die Hausaufgaben zu werfen als täglich 40 Minuten neben dem Töchterchen zu sitzen und zu verlangen, dass sie bei jedem «Geschludere» wieder von vorn anfängt. Es war sehr viel angenehmer, darauf zu vertrauen, dass sie die Aufgaben bei ihrer Freundin gemacht hat, statt neben einem maulenden Kind zu sitzen, bis es die «Ufzgi» erledigt hat, weil sie nämlich vorher nicht zu ihrer Freundin darf.

Aber es lohnt sich: Seit wir strengere Regeln eingeführt haben, schreibt meine Tochter tatsächlich wieder bessere Noten ­ was dazu führt, dass ihr auch die Schule mehr Spass macht ­, sie schläft besser und die Null­-Bock­-auf-nichts­-Attitüde kommt seltener zum Vorschein. Kinder verzweifeln nicht an hohen Erwartungen ­ sondern daran, wenn sie sich mit ihnen allein gelassen fühlen.

Kindliches Burnout? Es wäre vermessen, wenn ich behaupten würde, dass es das nicht gibt. Aber ob man einem Kind hilft, wenn man es mit einer entsprechenden Diagnose «schubladisiert», wage ich stark zu bezweifeln. Meine Kinder sollen wissen, dass ich zwar möchte, dass sie Leistung bringen wollen und dass sie sich dafür anstrengen ­ was schlussendlich dabei herauskommt, ist sekundär. Aber vor allem sollen sie eines wissen: dass meine Liebe zu ihnen absolut bedingungslos ist und niemals von ihrer Leistung abhängt.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.