Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Der kleine grosse Unterschied

Wenn man Mehrfach-Mütter fragt, ob sie ein Lieblingskind haben, schütteln die immer ganz energisch den Kopf. Selbstverständlich liebt man all seine Kinder immer gleich, und selbstverständlich werden sie auch gleich behandelt. «Bullshit», findet Familienbloggerin Sandra C.

Immer, wenn Fotos der Federer-Zwillinge Myla und Charlene auftauchen - oder hiessen die Charlie und Mylene? - egal. Also, immer wenn ich Fotos der beiden sehe, bin ich ganz fasziniert. Nicht nur, weil die Zwillinge wirklich süss sind. Und auch nicht nur, weil sie einander gleichen wie ein Ei dem anderen. Sondern auch, weil ihre Eltern - oder Nannys, oder wer auch immer - sie immer gleich anziehen. Vielleicht trägt die Eine mal ein gelb kariertes Hemdchen und die Andere ein blau kariertes. Oder die Eine hat eine rosa Masche im Haar, die Andere eine gelbe. Aber sonst: die gleichen Kleidchen, die gleichen Schuhe, die gleichen Socken. Warum machen sie das? Sagen Kinderpsychologen nicht immer wieder mal, es sei wichtig, die Individualität der Kids zu fördern, gerade bei Zwillingen?

Ich muss zugeben, auch ich fands eine Zeitlang herzig, meine Kinder ähnlich anzuziehen. Das heisst, die Grosse trug dann ein Poloshirt in Pink, der Kleine eins in Blau. Da sie ja zwei Jahre, gut 20 Zentimeter Grösse und nicht zuletzt der kleine, feine Unterschied trennen, ist die Verwechslungsgefahr relativ gering. Inzwischen haben sie eh ihren eigenen Geschmack, und das ist gut so. Wer mehr als ein Kind hat, wird immer wieder mit dem Thema konfrontiert: Wie viel Individualität brauchen sie? Und wieviel Gleichheit? Die Kinder selbst sind meist peinlichst genau darauf bedacht, dass jedes ein gleich grosses Stück vom Kuchen abkriegt. Wehe, einer bekommt ein M&M mehr als die Andere. Und die Frau an der Migros-Kasse schaut immer ein wenig irritiert, wenn ich ihr sage, fünf Twistys gehen gar nicht, ich müsse entweder einen mehr oder einen weniger haben.

Gerechtigkeit wird also ganz gross geschrieben bei uns zu Hause. Aber heisst das auch, dass die Kinder immer gleich behandelt werden müssen? Ich finde, nein. Und heisst das, dass ich sie zu jeder Zeit gleich gern haben muss? Ich finde, auch das nicht. Wenn meine Tochter brav ihre Hausaufgaben macht während der kleine Kamikaze einen seiner berüchtigten Wutanfälle hat und rumbrüllt wie ein Berserker - sorry, aber dann fällt es mir wahnsinnig schwer, in ihm meinen kleinen Sonnenschein zu sehen, den ich ganz und gar genau so liebe wie seine Schwester. Und wenn der vorpubertäre Naseweis mir mit einem trockenen «Hau ab!» die Kinderzimmer-Tür vor der Nase zuschlägt, während sein Bruder friedlich seine Legos zusammenbaut, ist der Fast-Teenie nicht wirklich mein Favorit des Tages.

Klar müssen im Grundsatz die gleichen Regeln für Beide gelten. Aber es gibt eben doch Unterschiede. Weil sie zwei unterschiedliche Kinder sind, die sich in der gleichen Situation anders verhalten. Es ist mir zum Beispiel am Tisch wichtiger, dass meine Tochter ihr Gemüse isst, als bei meinem Sohn. Warum? Weil sie ein grundverschiedenes Verhalten in Sachen Essen haben. Mein Sohn isst, wenn er Hunger hat, und wenn er keinen mehr hat, hört er auf. Meine Tochter isst, wenn sie etwas mag, wenn sie etwas nicht besonders gern hat, lässt sie es liegen (selbstverständlich gehört gesundes Gemüse nicht zu ihren Favoriten). «Ich mag nicht mehr» heisst also bei meinem Sohn tatsächlich «Ich mag nicht mehr», während es bei meiner Tochter eigentlich heisst «Ich mag das grüne Zeug nicht besonders, wenn da jetzt Pizza läge stattdessen, würde ich die runterschlingen.» Und ich weiss, dass sie in spätestens einer Stunde wieder Hunger hat. 

Ausser bei M&Ms und Twistys sind übrigens auch meine Kinder auf ihre Individualität bedacht. So gibt es regelmässig Streit um ihren CD-Player, weil sie nicht die gleiche Musik mögen und die Begriffe Warmduscher (er) und Langschläfer (sie) sind unserem Haus eindeutig zuzuordnen. Und eben, in Sachen Klamotten sind die Geschmäcker mittlerweile auch grundverschieden. Sie wurden mal von einem Freund gefragt, ob ihre Eltern sie auch gleich anziehen würden. Er wurde entgeistert angestarrt. «Wir haben doch nicht die gleichen Klamotten!», sagte meine Tochter. «Und auch nicht die gleichen Eltern!», sagte mein Sohn. Nun, so weit würde ich in Sachen Individualität dann doch nicht gehen, zumal ich mir sehr sicher bin, dass letztere Aussage nicht stimmt. Aber den eigenen Kopf entwickeln kann man ja auch, wenn man die gleichen Eltern hat. Ich bin gespannt, ob sich das bei den Federer-Zwillingen irgendwann auch in ihrem Look zeigt.

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