sandra_c-blog.png

Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Die Tage, die das Leben ändern

Eigentlich wollte Sandra C. über etwas Leichtes bloggen. Frühling und so. Aber dann schaute sie aufs Datum, und alles war anders. So wie dieser Tag vor elf Jahren das Leben der Familienbloggerin veränderte. Und sie kommt ins Grübeln über diese Momente, wegen denen plötzlich alles ganz anders ist.

Es war ein Tag wie heute. Strahlend blauer Himmel, Berge, Schnee. In meinen Gedanken sehe ich meinen Vater heute noch manchmal in der Gondel sitzen, höre seine letzten Worte am Handy: «Ich bin im Paradies.»

In meinen Gedanken sehe ich ihn manchmal heute mit meinem Sohn auf den Ski oder mit meiner Tochter diskutieren. Obwohl das nie passiert ist. Wegen diesem Tag. Diesem einen Tag, der entschied, dass meine Kinder ihren Grossvater nie richtig kennenlernen würden. Dem Tag, der immer wieder mal wie ein Film vor meinem inneren Auge abläuft.

Ist es nicht verrückt?

Der Rega-Helikopter, der wegflog, als ich im Spital ankam (auch wenn es mit Sicherheit nicht der Heli war, der ihn von der Skipiste hergebracht hatte). Seine orangen Skischuhe in der Ecke der Intensivstation. Die Maschinen, die Schläuche, das Piepen, die gespenstische Stille. Der letzte Blick in seine Augen, das letzte Drücken seiner Hand. Dieser verdammte eine Tag.

Nicht, dass ich im Alltag zum Philosophieren neige – dafür habe ich keine Zeit – aber heute komme ich irgendwie nicht drum herum. Ist es nicht verrückt, wie ein einziger Tag, ein einziger Moment, das Leben total ändern kann?

Zwei rosa Striche auf dem Schwangerschaftstest

Es hat schon mal so einen Tag gegeben in meinem Leben – der war allerdings etwas anders. Auch wenn er mir Angst gemacht hat wie noch nie etwas zuvor. Der Tag, an dem ich zwei rosa Striche auf diesem Schwangeschaftstest entdeckte. Ich hatte ihn eigentlich nur zur Sicherheit gemacht, da ich tags darauf ein Gespräch zwecks Beförderung hatte und ganz sicher sein wollte, dass ich mit gutem Gewissen sagen konnte, dass mein Kinderwunsch nicht besonders akut ist. Auch wenn ich null Ahnung hatte, was auf mich zukommt, eines war sicher: Diese zwei rosa Striche ändern alles.

Ab diesem Moment war ein erbsengrosses Etwas irgendwo in meinem Bauch wichtiger als alles andere, grösser als alles, was ich bisher gesehen und erlebt hatte – obwohl noch total unfassbar. So unfassbar wie die Tatsache, dass plötzlich ein neuer Mensch hier ist. Oder dass einer nicht mehr da ist.

Seltsamerweise habe ich an die ersten Tage nach dem Tod meines Vaters ganz ähnliche Erinnerungen wie an die ersten Tage nach der Geburt meiner Tochter. Ich lebte wie in einer Blase, in die nur ganz wenige Leute Zutritt hatten. Meine Gefühle – so gegensätzlich sie auch waren – so intensiv, dass ich mich kaum auf irgend etwas anderes konzentrieren konnte.

Die Erbse im Bauch

Wenn ich heute meine jungen Kolleginnen und Kollegen anschaue, beneide ich sie manchmal. Nicht um ihre Jugend, sondern um die Tatsache, dass in ihrem Leben noch alles möglich ist. Dann aber bin ich wieder froh, dass ich gewisse Dinge schon hinter mir habe. Dinge wie den heutigen Tag, der mit jedem Jahr ein bisschen leichter wurde. Dinge, die mir eines gezeigt haben: Dass echte Liebe bedingungslos ist.

Sie hängt nicht einmal davon ab, ob jemand hier ist, ob es ihn oder sie – schon oder noch - gibt. Sie ist plötzlich da, mit dieser Erbse im Bauch. Und sie ist immer noch da, lange nachdem jemand weg ist. Das ändert sich nie – auch wenn ein einziger Tag das ganze Leben ändern kann. Aber eben. Eigentlich wollte ich ja über den Frühling schreiben, und so. Das mach ich dann nächstes Mal.