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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Ein Plädoyer für Väter

«Neue Väter brauchen neue Mütter» heisst das aktuelle Buch der Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Unsere Familienbloggerin findet, es trifft einen Nerv unserer Zeit. Denn viele Väter möchten mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen – wenn man sie nur liesse.

Wenn ich mit Eltern von kleinen Kindern rede und sie frage, wie man die Kinder erziehen möchte, höre ich oft einen Satz: «Am wichtigsten ist, dass beide Eltern am gleichen Strick ziehen und die gleiche Meinung haben.» Ich bin nie ganz sicher, was das bedeutet, aber ich fürchte, ganz viele haben da eine völlig unrealistische Vorstellung im Kopf. Oder habt ihr schon mal jemanden getroffen, der immer der gleichen Meinung ist wie ihr? Gibt’s nicht. Warum sollte das in der Kindererziehung anders sein.

Ein Kind zu zweit zu erziehen ist nicht ganz so einfach. Man hat so oft unterschiedliche Ansätze, Ansichten und andere Dinge, auf die man Wert legt. Und hat immer das Gefühl, man müsse vor dem Kind als absolute Einheit auftreten. Muss man gar nicht. Kinder können sehr wohl damit umgehen, dass dem Papa die Tischmanieren wichtiger sind als der Mutter, er ihnen dafür einfach so mal was kauft zwischendurch, was sie nicht macht.

Es braucht keine stundenlangen Diskussionen, damit man erziehungstechnisch auf den gleichen Nenner kommt. Aber man muss akzeptieren, wenn der oder die andere die Dinge anders sieht und anders macht als man selbst. Damit haben vor allem Mütter Mühe. Und genau hier liegt der Hund begraben.

Kinder brauchen mehr als eine erwachsene Bezugsperson

Klar, wir hatten die Kinder im Bauch und haben sie gestillt. Ich bin heute der Meinung, dass uns diese Tatsache wohl ein klitzekleines bisschen mehr an unsere Kinder bindet als ihre Väter. Umso wichtiger ist es, dass diese dies so schnell wie möglich ausgleichen. Das können sie aber nur, wenn man sie lässt. Wenn wir sie lassen – und zwar so, wie das für sie stimmt, nicht, wie es für uns passt.

Denn dass viele Väter gar nicht mehr wollen als am Wochenende und am Abend ihre Kinder zu bespassen, liegt nicht selten an den Müttern. Wer das Gefühl hat, eh immer nur alles falsch zu machen, versuchts gar nicht mehr. Und wem nicht zugetraut wird, sich «richtig» um seine eigenen Kinder zu kümmern, zieht sich halt wieder in die Rolle des Ernährers zurück.

So bleiben viele Eltern bei der klassischen Rollenverteilung hängen. Das ist extrem schade, für Eltern und Kinder. Denn Kinder brauchen mehr als eine erwachsene Bezugsperson, gerade um die Erfahrung zu machen, dass nicht alle gleich sind und gleich denken, und dass das völlig in Ordnung ist so.

Also liebe Mütter, gebt euch einen Ruck und traut den Vätern etwas zu

Die Gleichstellungspolitik zielt ausschliesslich auf Frauen. Aber wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir die Männer mit einbeziehen. Wir müssen umdenken und auch ihnen Rechte zugestehen. Allen voran das Recht, die eigenen Kinder so mitzuerziehen, wie sie das für richtig halten. Erst wenn wir Frauen da loslassen können, werden sich auch die Männer für eine andere Rollenverteilung stark machen.

Also liebe Mütter, gebt euch einen Ruck und traut den Vätern etwas zu. Und sagt nichts, wenn er bei Minusgraden mit dem Baby im kurzärmligen Body mit Fellstiefelchen vor dem offenen Fenster sitzt. (Das Baby ist heute 14 und ich kann die Male, die es krank war in seinem Leben an zwei Händen abzählen). Und während es nicht so wichtig ist, dass ihr «immer am gleichen Strick zieht», halte ich eines doch für essentiell: Man fällt einander nicht in den Rücken. Wenn der eine einen Entscheid trifft, stösst ihn der andere nicht um, egal wie falsch er ihn findet.

Denn grundsätzlich gibt es in der Erziehung auch kein richtig oder falsch (abgesehen von Gewalt natürlich, die geht gar nicht, weder physisch noch verbal). Glaubt mir, liebe Mütter: Viele Väter sind bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir sie lassen. Das ist eine riesige Chance für uns. Packen wir sie. Sonst diskutieren wir nämlich in zehn Jahren immer noch um die gleichen Probleme herum.