Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Einfach ein bisschen schwierig

Anfangs Jahr stehen jeweils die Elterngespräche in der Schule an. Familienbloggerin Sandra C. weiss mittlerweile ziemlich genau, was auf sie zukommt. Und wie viel Zeit sie für die jeweiligen Gespräche einplanen muss: eine Viertelstunde für das «einfache» Kind, eine gute Stunde für das «schwierige».
Blog Der ganz normale Wahnsinn Themenbild Schule
© Getty Images

Schulstunden absitzen: Der Sohn von Bloggerin Sandra interessiert sich ausschliesslich für die Fächer Musik und Sport.

Ich sage dies oft im Scherz, aber um ganz ehrlich zu sein, steckt vielleicht doch ein kleines Körnchen Wahrheit drin: Wäre mein zweites Kind mein erstes gewesen, hätte ich vermutlich kein zweites mehr gewollt. Und bevor jetzt irgendwelche Moralistinnen auf die Barrikaden gehen: Das hat überhaupt nichts mit meiner Liebe für meine Kinder zu tun. Im Gegenteil - ich habe sogar oft das Gefühl, ich muss dem Jüngeren meine Liebe umso mehr zeigen, gerade weil er kein einfaches Kind ist.

Insofern war auch das diesjährige Elterngespräch keine grosse Überraschung: Egal, wo man meinen Sohn hinsetzt - ganz vorne, ganz hinten, möglichst nah bei der Wand - er findet immer jemanden zum Zutexten (Ja, liebe Arbeitskollegen, ihr müsst mich nicht drauf hinweisen, ich weiss schon, von wem er das hat!). Das tut meine Tochter zwar auch. Aber im Gegensatz zu ihrem Bruder kann sie eben reden UND zuhören. Mit meiner Tochter habe ich, rein schultechnisch, ein Exemplar erwischt, um das mich alle anderen Eltern beneiden: In ihrer Freizeit liest sie Bücher, schreibt Geschichten und löst Sudokus. Sie schreibt gute Noten, interessiert sich aber auch für Musik und Sport. Mein Sohn hingegen interessiert sich ausschliesslich für Musik und Sport - zumindest was die Schulfächer angeht. Jedenfalls sind das offenbar die einzigen Stunden, in denen er begeistert mitmacht. Den Rest findet er wohl nicht interessant genug. Es ist nicht so, dass er nicht kann. Wenn er will, macht er seine Hausaufgaben - egal, ob Mathe oder Deutsch - in Rekordzeit und fehlerfrei. Aber in der Schule hat er oft einfach null Bock. Dafür hat er eine Riesenklappe, ist frech und sein Pult sieht aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hat (Ja, liebe Arbeitskollegen, ich weiss…).

Die Ältere ist das einfache Kind, der Kleine das schwierige - das ist so, seit sie klein sind. Meine Tochter war schon als Kleinkind sehr sozial und freundete sich schnell mit verschiedensten Kindern an. Mein Sohn prügelte sich über den Spielplatz, und richtige Freundschaften schloss er erst im Kindergarten (was war ich froh, ich hatte schon nicht mehr dran geglaubt, dass er irgendwann Freunde findet). Klar konnte - und kann - auch meine Grosse ab und zu «täubele». Aber mein Sohn hat regelmässig Wutanfälle, bei denen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, durch die Luft fliegt. Und vermutlich fällt es euch schwer zu glauben, dass dies lediglich die Light-Version seiner früheren Tobsuchtsanfälle ist - da schlug er sich nämlich öfters mal den Kopf gegen die Wand in seiner unbändigen Wut. Das einzige an echtem Blödsinn, das meine Tochter in neuneinhalb Jahren lieferte, war das Schwänzen des Fussballtrainings. Bei meinem Sohn gab es Zeiten, in denen ich alle paar Wochen im  Kindergarten antraben musste: Er hatte auf dem Heimweg die gesamten Briefkästen der Nachbarn ausgeräumt und die Post irgendwo hingeschmissen; in den Büschen hockend andere Kinder erschreckt oder den gesamten Morgen die Kindergärtnerin nachgeäfft. Es erstaunt mich also nicht, dass es auch in der Schule so weitergeht wie gewohnt.

Klar frage ich mich oft, ob ich etwas falsch gemacht habe. Vermutlich habe ich das. Und wenn ich nur einfache Kinder wie meine Tochter hätte, hätte ich vermutlich auch tausend Ratschläge für Mütter wie mich parat. Aber Eltern mit schwierigen Kindern wissen: Es gibt Situationen, in denen funktioniert einfach gar nichts! Höchstens rausgehen, durchschnaufen, oder mal ein Bier trinken. Oder einfach selbst losheulen - das ist im Übrigen der absolute Geheimtip, funktioniert aber nur zwei, drei Mal, dann haben sie dich durchschaut.

Mein Sohn ist durchaus ein liebenswertes Kind. Sehr feinfühlig und herzlich, sehr humorvoll. Sehr leidenschaftlich, wenn ihn etwas wirklich interessiert. Leider interessieren ihn halt Skifahren und Lego zusammensetzen viel mehr als Mathe und Lesen. Da müssen wir wohl die nächsten paar Jahre durch - mein Sohn, seine Lehrer und ich. Es gibt Leute, die sagen oft im Scherz, mein Sohn sei genau wie ich. Und wenn ich ganz ehrlich bin, steckt da wohl mehr als ein Körnchen Wahrheit drin.

Weitere «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs finden Sie im SI-online-Dossier.