Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die «Mama macht»-Falle

Sind sie erst einmal Eltern, sehen sich viele Mütter - und auch einige Väter - nur noch als Elternteil. Die eigene Identität ist irgendwo auf der Strecke geblieben. Umgekehrt gibt es Eltern, die sich ganz bewusst dagegen wehren, in die Mami- oder Papi-Schublade gesteckt zu werden. Familienbloggerin Sandra C. findet beides irgendwie schwierig.
Supermom
© istockphoto

Sandra C. ist Mutter. Und Partnerin, Freundin, Tochter, Journalistin, Köchin....

«Komm, Schatz, Mama gibt dir ein Taschentuch!» Ich schaue die Frau mit in dem Café mit leichter Verwunderung an, als sie ihrem kleinen Sohn ein Taschentuch reicht. Warum redet sie von sich in der dritten Person? Wenn man sich an Orten aufhält, an denen viele Eltern mit kleinen Kinder verkehren, merkt man, dass Eltern - auch Väter - ziemlich oft in der dritten Person von sich selbst reden, wenn sie sich mit ihrem Nachwuchs unterhalten. «Mama wischt das weg.» - «Papa muss noch kurz etwas erledigen.» Warum in aller Welt machen sie das? Halten sie ihre Kinder für so blöd, dass sie nicht wissen, wer ihre Eltern sind, wenn sie sich nicht selbst betiteln? Kaum. Aber es scheint eine gewisse Art von Eltern zu geben, die ihre eigene Identität irgendwo ganz hinten im Unterbewusstsein verstauen, sobald sie Nachwuchs haben, und sich selbst nur noch im Bezug zum Kind sehen. Und das dann verbal auch so ausdrücken.

Und dann gibts die anderen. Die, die sich von ihren Kindern beim Vornamen rufen lassen. Eine Bekannte von mir hält das so mit ihren Kindern. Für die ist zwar nichts dabei, wenn sie ihre Mutter im Restaurant fragen: «Claudia, kann ich noch eine Cola haben?» - aber in meinen Ohren klingt das einfach seltsam. Sie wolle sich nicht zu fest auf diese Mami-Rolle fixieren, erklärte Claudia mir mal, als ich sie danach fragte, warum ihre Kinder sie nicht Mama oder Mami nennen. Und die Kinder kriegen so auch mit, dass sie eine eigenständige Person mit eigenem Namen sei. Vielleicht bin ich ja ignorant, aber meine Kinder haben im Laufe der Zeit mitgekriegt, dass ich einen eigenen Namen habe, auch wenn sie mich Mama nennen. Gut, einen Vorteil hat Claudia mir gegenüber: Die Mütter im Dorf kennen ihren Vornamen, und wissen nicht nur, dass sie die «Mama von Nils» ist. Das ist bei mir etwas anders. Die Namen meiner Kinder kennt fast das ganze Dorf. Meinen nicht. Aber damit kann ich gut leben.

Mir kommt beides irgendwie schräg rein. Das Sich-selbst-immer-aufs-Kind-Beziehen, aber auch das krampfhafte Abgrenzen gegen das Kind. Eltern zu werden bedeute zu akzeptieren, dass dein Herz ausserhalb deines Körpers schlägt, sagt man. Dass man seine Kinder bedingungslos liebt und jederzeit alles für sie geben würde, hat sicherlich damit zu tun, dass man sie als Teil von sich selbst empfindet. Auch wenn dieses Gefühl mit der Zeit abnimmt - ein Teil meines Herzens wird mein Leben lang dort schlagen, wo meine Kinder sind. Dieses Gefühl der Verbundenheit zu seinen Kindern kann sehr stark sein. Dann muss man aufpassen, dass man nicht in die «Mama macht, Mama ist, komm zu Mama»-Falle tappt - diejenige, in der man sich selbst eben (fast) nur noch als Mama (oder Papa) wahrnimmt. Und damit vollkommen glücklich ist. Aber Kinder fangen schon früh an, sich in der einen oder anderen Weise von den Eltern abzugrenzen. Da tut man als Mutter oder Vater gut daran, sich doch noch ein Stück Identität zu bewahren, die unabhängig ist von ihren Kindern. Sonst steht man irgendwann da wie ein Velofahrer ohne Velo. Andererseits muss man auch nicht verzweifelt versuchen, sich gegen dieses Gefühl des Eins-Seins zu wehren. Es reicht, wenn man sich bewusst ist, dass man sein Kind zwar als Teil von sich empfindet, aber dass da auch noch anderes ist. Kinder grenzen sich selbst von ihren Eltern ab. Sich als Eltern demonstrativ von den Kindern abzugrenzen, ist unnötig.

«Wie fändest du es, wenn du mich nicht mehr Mama sondern Sandra nennst?», frage ich meine Tochter. «Blöd», sagt sie, ohne von ihrem Buch aufzuschauen. «Ach, da ist die Mama aber froh.» - «Hä? Warum ist die Oma froh darüber?» - «Wieso die Oma?» - «Du hast doch gesagt die Mama. Und deine Mama ist die Oma.» Stimmt. Ich bin Mutter, aber nicht nur. Ich bin Tochter, Partnerin, Freundin, Kollegin, Nachbarin. Ich bin ich. Egal wie man mich nennt.

Im Dossier: Alle Familien-Blogs von Sandra C.