Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Erziehung nach Drehbuch?

Manchmal bringt es der Job von Sandra C. mit sich, dass sie gewisse Dinge in ihrem Familienleben hinterfragt. So recherchiert die Familienbloggerin gerade zum Thema Konfliktmanagement. Sie versucht, das Gelernte gleich «intern» anzuwenden. Mit mässigem Erfolg.
Themenbild Erziehung schimpfen Ratgeber
© istockphoto

Sandra C. hat versucht, Dinge, die sie gelesen hat, in Diskussionen mit ihren Kindern einfliessen zu lassen. Und ist gescheitert.

Ich erziehe nicht nach Ratgeber. Habe ich nie gemacht. Klar, die Klassiker habe ich durchgeblättert, allen voran Remo Largos «Babyjahre» und «Kinderjahre». Und je nachdem lese ich Artikel und Interviews zum Thema mit Interesse. Aber Erziehung nach Drehbuch war mir immer irgendwie suspekt. Auch wenn ich weiss, dass ich nach Lehrbuch sicher viele Fehler begehe.

Und nun dieser Auftrag, der mit dem Finger auf mich zeigt, und mir ins Gesicht schreit, was ich alles falsch mache. Bei jedem Gespräch, das ich führe, will ich sagen «Ja, ich weiss es ja! Aber ich kann nicht anders. Oder ich will nicht. Keine Ahnung.» Ich recherchiere zum Thema Konflikte und Konfliktmanagement. In dem Artikel wird es - Gott sei Dank - nicht um mich und meine Familie gehen. Hier in diesem Blog tut es das. Ich habe also in den vergangenen Wochen versucht, die Dinge, die ich gehört und gelesen habe, in die Diskussionen mit meinen Kindern einfliessen zu lassen. Und bin nicht selten kläglich gescheitert.

Da wäre also die Sache mit den Ich-Botschaften. Man soll in einer Diskussion das Gegenüber nicht anklagen, sondern sagen, wie man selbst sich fühlt, wenn es sich störend verhält. Aha. Also nicht: «Du hast ein Puff, räum auf!» sondern «Ich finde, du hast ein Puff, räum auf?» oder «Ich fühle mich schlecht, wenn du ein Puff hast und würde mich besser fühlen, wenn du es aufräumst?» Ich versuchs mit Letzterem. Mein Sohn weiss nicht so recht, was jetzt von ihm erwartet wird, nuschelt aber schliesslich irgend etwas, was ich als «Is nich mein Problem, wenns dir nich gut geht» entziffere, und ist weg. Wow, hat ja super geklappt.

Ich versuchs bei meiner Tochter. «Ich möchte, dass du jetzt den Fernseher ausschaltest und für den Englischtest lernst.» - «Ich nicht!» - «Ich habe Angst, dass du traurig bist, wenn du eine schlechte Englischnote schreibst, und das wird der Fall sein, wenn du nicht genug lernst.» - «Nee, wird es nicht.» - Gopferhueretamisiech, das Kind hier funktioniert überhaupt nicht nach Drehplan! Und für den hab ich jetzt keine Nerven mehr. «Du stellst jetzt ab und übst für den Englischtest, sonst gibts heute gar kein Youtube mehr und morgen auch nicht!» - «Jaaaaa, ist ja gut!» Sie hat eine 5,75 geschrieben.

War das jetzt eine Androhung von Strafe? Das geht laut Drehbuch eben gar nicht. Konsequenzen hingegen schon. Aber wer entscheidet, was eine Strafe und was eine Konsequenz ist? Dass TV-Verbot als Folge von Fluchen keine logische Konsequenz ist, sehe ich ja auch. Aber wenn meine Tochter statt Englisch zu lernen Youtube schaut - ist Youtube-Verbot dann eine logische Konsequenz oder eine unakzeptable Strafe? Ich habe keine Ahnung.

Und was ist die logische Konsequenz davon, wenn sich zwei Geschwister auf die Kappe geben bis beide heulen? Sie weiter prügeln lassen, bis einer das Nasenbein gebrochen hat und dann sagen, man habe sie ja vor den Konsequenzen gewarnt? Ich hab mich für den Einzug sämtlicher Handys, iPads und Fernbedienungen entschieden. Nach ein paar Minuten spielten sie friedlich draussen Fussball. Keine logische Konntequenz? Mit Sicherheit logischer als die, an die ich mich erinnere, als mein Bruder und ich einander mal vermöbelten. Mit Logik hatte das nämlich herzlich wenig zu tun, Mama (falls du das jetzt liest)! Aber das Bild ist mir bis heute geblieben: Ich musste die mir verhassten kratzigen Strumpfhosen anziehen und mein Bruder musste allein das Zimmer aufräumen. Ich weiss es noch, als wäre es gestern gewesen: Ich sass auf meinem Kleiderschrank in diesen kratzigen Dingern und heulte und schaute meinem Bruder, der ebenfalls heulte, beim Aufräumen zu! Obs genützt hat, weiss ich nicht - aber einen nachhaltigen Eindruck hats auf jeden Fall hinterlassen!

Das hat die letzte Strafe zumindest bei meinem Sohn auch. Er muss für den Deutschunterricht wöchentlich irgendein Erlebnis niederschreiben. Bisher ging es da jeweils um seine Fussball-Machtes, Ferien oder Wochenend-Ausflüge. Der letzte Eintrag lautet wie folgt: «Ich habe mit meiner Schwester gestritten. Da hat Mama unsere Handys und mein ipad und die Fernseh-Dienung weggenommen. Dann war uns langweilig und wir haben draussen Fussball gespielt. Und dann hab ich Englisch gelernt, weil Mama mir versprochen hat, dass ich bei Clash of Clans einen Sack Diamanten kaufen darf wenn ich eine gute Note habe.» Ja, ich weiss. Ich hab noch viel Luft nach oben, was dieses Konfliktmanagement-Ding angeht...

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