Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die grosse Leere

Wenn die Kinder klein sind, gleicht das Leben einem Marathon: Man ist dauernd am Rennen. Wenn sie grösser werden, legt man hin und wieder einen Sprint hin, dann wartet man aufs nächste Rennen, weiss Sandra C. Und die Familienbloggerin ahnt: Das ist erst der Anfang.
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© Getty Images

«Der Moment, in dem ich realisierte, dass es nicht mehr nötig ist, täglich einen Marathon für meine Kinder hinzulegen, war hart», sagt Sandra C.

Kürzlich sass ich mit einer Freundin beim Apéro. «Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass wir mehr trinken, seit wir Kinder haben?», flachste sie. «Du meinst, wegen dem Stress?», fragte ich. Darauf sie: «Nein, wegen der Langeweile!»

Ich musste erst mal Luft holen. Denn während das mit dem Trinken natürlich ein Witz war, ist das mit der Langeweile nur bedingt einer. Zumindest, was die Situation vieler Mütter betrifft, wenn die Kinder älter werden. Wobei Langeweile vielleicht das falsche Wort ist. Leere trifft es besser. Und irgendwie habe ich das Gefühl, sie trifft jede von uns irgendwann. Die einen mehr, die anderen weniger. Die einen können besser damit umgehen, die anderen weniger gut.

Das Leben mit Kleinkindern gleicht einem Marathon. Man ist ständig auf dem Sprung - und zwar egal, ob man noch einen Job hat, um Geld zu verdienen, oder nicht. Man muss sich einfach ein bisschen anders organisieren. So oder so: Man ist ständig am Wickeln, Füttern, Spielen, Kochen, Aufräumen, Anziehen, Ausziehen, Trösten, Malen, Basteln. Und wenn die Kinder schlafen, setzt man sich nicht etwa hin, sondern räumt panisch die Spülmaschine aus, schliesslich weiss man nie, wann man wieder dazu kommt. Man schleppt die lieben Kleinen mit zum Einkaufen - wobei man das gleiche an Zeit berechnen muss, bis man nur schon das Haus verlassen kann wie zum Einkaufen selbst - zum Banktermin, zum Essen, zum Treffen mit Freundinnen. Und am Abend hat man irgendwie ständig das Gefühl, dass man den ganzen Tag rumgerannt ist, aber trotzdem irgendwie nicht viel erledigt hat.

Das Leben mit grösseren Kindern gleicht eher einem Sprint: Du musst zur richtigen Zeit Gas geben, und dann sitzt du rum und wartest aufs nächste Rennen. All das, wonach du dich gesehnt hast, als die Kinder kleiner waren - allein einkaufen gehen, in Ruhe die Spülmaschine ausräumen - ist plötzlich irgendwie langweilig. Und irgendwann kommt er unweigerlich, dieser Moment: Die Kinder sind in der Schule oder bei Freunden oder auf dem Eisfeld (denn da verbringen sie mittlerweile auch die Wochenenden lieber als zu Hause. Und wehe, du schlägst vor, du könntest sie doch begleiten - ihr Blick sagt mehr, als du wissen willst!), die Einkäufe sind erledigt, die Spülmaschine ist ausgeräumt - und du hast keine Ahnung, was du mit dir selbst anfangen sollst!

Ich muss zugeben: Der Moment, in dem ich realisierte, dass es nicht mehr nötig ist, täglich einen Marathon für meine Kinder hinzulegen, war hart. Auch für mich, deren Leben sich weiss Gott nicht ausschliesslich um den Nachwuchs drehte. Umso härter stelle ich ihn mir für Mütter vor, die ihre Kinder während der vergangenen Jahre zum totalen Mittelpunkt ihres Lebens gemacht hatten. Und ich habe viele Reaktionen gesehen auf die grosse Leere wenn die süssen Kleinen eben plötzlich gross waren: Noch ein Baby (achtet mal drauf, wieviele dritte Kinder einen grösseren Altersabstand von den beiden älteren Geschwistern haben. Das sind die Kinder, welche die Leere füllen sollen…just saying….), einen Hund, ein politisches Amt, ein neues Hobby. Wer seine Karriere nicht ganz vernachlässigt hat, dem fällt jetzt sicher vieles ein bisschen leichter. Aber schlussendlich hilft nur eines: Loslassen. Sich selbst als eigenständigen Menschen betrachten, und nicht als «Mami von …». Denn das hier ist erst der Anfang. Die richtig grosse Leere, die kommt wohl erst noch. Und ein bisschen graut mir jetzt schon davor.

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