Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Was ist mit den Männern los?

Vergangene Woche schrieb Familienbloggerin Sandra C. über elterliche Überforderung. Dass Frauen damit hadern, Kinder, Karriere, Beziehung, Haushalt und Sozialleben irgendwie auf die Reihe zu kriegen, ist ein altbekanntes Phänomen. Dass es vielen Männern inzwischen ebenso geht, ist relativ neu. Irgendwie scheinen die Herren der Schöpfung nicht ganz mit dem gesellschaftlichen Wandel mitzukommen.
Themenbild gestresster Vater Hausmann
© iStockphoto

Karriere, Kinder Beziehung - auch für Männer ists vermehrt eine Herausforderung, alles unter einen Hund zu bringen.

Bereits im letzten Blog schrieb ich über eine Studie der Zeitschrift «Eltern», die zutage förderte, dass viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder öfter mal überfordert sind. Was mir dabei besonders ins Auge stach: Auch Väter empfinden die Ansprüche an sie als sehr hoch. Zwei Drittel der Befragten glauben gar, dass sie ihrer Vaterrolle nicht gerecht werden.

Meine erste Reaktion? Was für ein Bullshit! Was wird schon von euch erwartet, liebe Väter? Während wir Mütter es eigentlich nur falsch machen können - egal was wir tun - ist doch bei euch immer alles super. Niemand zerreisst sich das Maul über euch, wenn ihr hundert Prozent arbeitet. Und die paar Ausnahmen unter euch, die tatsächlich Teilzeit arbeiten und den Nachwuchs auch mal ein paar Stunden allein betreuen, werden gleich aufs «Superpapi»-Podest gestellt. Ihr könnt Karriere machen, ohne als karrieregeiler Rabenvater zu gelten, euch wird äusserst selten eine Frau mit gleicher Qualifikation vorgezogen, und wenn ihr Papa werdet, ist das ein Grund für eine Lohnerhöhung - während wir Mütter unsere Karrierepläne vorerst mal kübeln können, wenn der Babybauch wächst. Für die Kids seid ihr der Held, weil ihr euch beim samstäglichen Einkauf um des lieben Friedens Willen Süssigkeiten und Spielzeug aufschwatzen lasst, und wenn ihr mal den Staubsauger anfasst oder den Kochlöffel schwingt, werden wir von unseren Freundinnen sofort um unseren tollen Hausmann beneidet.

Dies, wie gesagt, meine erste Reaktion. Aber eben: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor einiger Zeit mit einem Freund führte. «Ich kenne so viele Männer, die unglücklich sind», sagte er. «Womit denn?», fragte ich. «Mit ihrem Job, ihrer Beziehung, ihrem Sexleben. Einfach mit allem.» Was ist denn los mit euch Männern? Für euch ist doch alles viel einfacher als für uns. Sogar der Sex. (Irgendwie scheint ihr nie so fix und fertig zu sein, dass ihr einfach nur noch schlafen wollt...) Trotzdem: Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich zugeben, dass es für euch heutzutage vermutlich recht schwierig ist. Während wir Frauen seit zwei Generationen für ein neues Rollenbild kämpfen, hat sich unser Selbstverständnis als Frauen und als Mütter während der letzten Jahre ganz schön gewandelt: Wir sind unabhängig, stark, nehmen unser Leben selbst in die Hand. Uns stehen diverse Optionen offen. Und auch wenn uns diese manchmal überfordern, haben wir gelernt, mit ihnen umzugehen. Und weil wir eben, egal wie wir uns entscheiden, immer von irgend einer Ecke aus kritisiert werden, haben die meisten von uns inzwischen gemerkt, dass man auch mal ein «Leckt mich am Arsch» in besagte Ecke schleudern darf.

Wir Frauen wissen heutzutage, dass wir, spätestens wenn wir Mutter werden, uns unsere Rolle selbst suchen müssen. Dass wir uns Gedanken darüber machen müssen, wie viel Zeit und Energie wir wo investieren wollen. Und genau da sind wir euch Männern einen Schritt voraus. Das Rollenverständnis der Frauen kann sich nämlich nicht ändern, ohne dass es das des Mannes auch tut. Und jetzt kommt das Gemeine: Viele Frauen gehen selbstverständlich davon aus, dass ihr euch genauso viele Gedanken über eure Rolle in der Beziehung und/oder als Vater macht wie wir. Tut ihr aber nicht. Weil es bisher nicht nötig war. Und plötzlich seht ihr euch mit Vorwürfen konfrontiert, an die ihr nie einen Gedanken verschwendet habt: Ihr arbeitet zu viel, seid zu wenig präsent in der Kindererziehung und im Haushalt, zu wenig einfühlsam als Partner. Und ihr steht immer häufiger vor dem gleichen Problem wie wir: Egal was ihr tut, ihr könnts eigentlich nicht recht machen. Steckt ihr im Job zurück, wird das Geld knapp - weil Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Wollt ihr mehr als ab und zu Windeln wechseln oder einen samstäglichen Vater-Sohn-Ausflug zum Baumarkt, funkt ihr zu fest rein ins «Projekt Kind», seid entweder zu lasch oder zu streng oder beides. Legt ihr im Haushalt mit Hand an, habt ihr das falsche Waschprogramm gewählt und die Bettlaken nicht richtig verstaut. Und organisiert ihr mal einen romantischen Abend zu zweit, schielt sie alle paar Minuten unruhig aufs Handy und kaum zu Hause, pennt sie todmüde auf dem Sofa ein.

Tja, liebe, orientierungslose Männer: Welcome to the real world. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass auch ihr anfangt, aus altgedienten Denkensweisen auszubrechen und euch zu überlegen, was ihr wollt - und nicht, was ihr glaubt, wird von euch erwartet. Und dann sagt ihr das euren Frauen. Und euren Chefs. Und jedem, der es hören will. Oder auch nicht. Denn eines weiss ich ziemlich sicher - und das gilt für euch genauso wie für uns: Wer mit sich selbst nicht zufrieden ist, wird auch niemand anderen finden, der das ist. Wir können uns nur selbst glücklich machen. Und wenn wir das sind - vielleicht nicht immer, aber immer öfter - ist es auch um einiges einfacher, uns von überhöhten Erwartungen loszusägen und allen Kritikern, Ewiggestrigen und wer sonst auch immer das Maul aufreisst ins Gesicht zu lachen und die vier magischen Worte mindestens zu denken: «Leckt mich am Arsch!»

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