Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kopfsache

Das Schwierigste daran, wenn man ein Baby hat? Das kleine Bündel weint und kann dir nicht sagen warum. Das Schwierigste daran, wenn man ältere Kinder hat? Sie weinen, motzen, haben Wutanfälle oder einfach schlechte Laune, und könnten dir eigentlich sagen warum, tun es aber nicht. Familienbloggerin Sandra C. würde manchmal viel darum geben, zu erfahren, was in den Köpfen ihrer Kinder so vor sich geht.
Familienblog Sandra C: Kinder denken anders als ihre Eltern
© Getty Images

Dass Kinder nur selten genau gleich funktionieren und denken wie ihre Eltern, ist klar. Doch Familienbloggerin Sandra C. würde ab und zu schon ganz gerne wissen, was ihren Sprösslingen durch den Kopf geht.

Kinder denken anders als Erwachsene. Mir fallen auf Anhieb Dutzende von Situationen ein, in denen mir meine Kinder zeigten: Nur weil für mich etwas logisch - oder eben nicht - ist, heisst das noch lange nicht, dass es für sie auch so ist. Mein Sohn ist ein Paradebeispiel von kindlichem Andersdenken. Ich könnte jetzt ganz ehrlich sein und sagen, ich frage mich fast täglich, ob er überhaupt denkt - aber da es erst April ist, also noch etwas früh für den Titel «Rabenmutter des Jahres», belassen wirs einfach bei «anders». Und bei meinem mehr oder weniger täglichen, verzweifelten Seufzer: «Ich verstehe das Kind nicht!»

Vergangenes Wochenende zum Beispiel. Mein Sohn fuhr mit dem Snowboard neben der Piste einen kleinen Hang runter und fiel hin. Ich blieb oben stehen, wartete bis das Wutgeheul einigermassen vorbei war - ich kann inzwischen sehr gut unterscheiden, ob er vor Wut winselt, oder ob er sich weh getan hat - und sagte ihm, er soll sein Brett abschnallen und zu mir hoch laufen. «Komm mich holen!», brüllte er verägert. Ich, immer noch einigermassen ruhig: «Ich kann dich hier nicht raufziehen, das schaff ich nicht.» Er, mittlerweile zitternd vor Wut: «Komm mich holen!» Ich, tief Luft holend: «Es geht am schnellsten, wenn du jetzt das Board abschnallst und hochkommst. Sonst sitzen wir übermorgen noch hier.»

Das ist doch gopfertami uhuere logisch: Er schnallt das Brett ab, kommt hoch, schnallt es wieder an, wir fahren weiter, fünf Minuten. Wenn ich auf den Skiern da runterfahre und versuche, ihn hochzuziehen, wursteln wir locker zwanzig Minuten da unten rum und kommen zu nichts. Oder ich stehe einfach weiter hier und warte, bis er fertig getobt hat - und frage mich, was dabei in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht etwas in der Art: «Ich wollte doch den coolen Macker geben und allen zeigen, wie gut ich dieses Brett neben der Piste im Griff habe. Aber dann hats mich voll umgehauen und das ist mir so was von mega peinlich - aber das würde ich natürlich niemals zugeben - und ich bin total wütend auf mich selbst - aber das würde ich auch nie zugeben - und deshalb bin ich lieber wütend auf meine Mutter. Die ist schliesslich dazu da, dass ich meinen Frust an ihr rauslasse, weil bei allen anderen trau ich mich nicht und ist ja sonst eh keiner da.» Oder so. Vielleicht auch nicht. Vielleicht schwirrt ihm auch einfach nur der eine Satz im Kopf herum, den er mir immer wieder zubrüllt: «Komm mich holen!»

Wie gesagt, mein Sohn zeigt mir jeden Tag, dass seine Logik eine andere ist als meine (oder als die der meisten Erwachsenen). Das Kind schafft es, sein Skateboard gegen einen alten Fussball zu tauschen. Sich bei den Hausaufgaben zehn Minuten darüber aufzuregen, dass er keinen Spitzer findet. Bei Regen in Socken durch den verschlammten Garten und anschliessend ins Haus zu trampen - und sich zu wundern, dass ich das nicht besonders witzig finde. Bei meiner Tochter liegen die Dinge etwas anders: Ihre Gedankengänge lassen sich oft durchaus nachvollziehen. Sie hat einfach eine ganz eigene Art, Prioritäten zu setzen. So ist es morgens zum Beispiel wichtiger, das perfekte Outfit zu finden und sich dafür sieben mal umzuziehen, als rechtzeitig zur Schule zu kommen. Und bei ihrer morgendlichen schlechten Laune frag ich mich schon gar nicht mehr, ob etwas passiert ist, oder ob ich was falsch gemacht habe. Da denkt sie sich nämlich vermutlich jeweils genau das, was sie sagt. «Gut geschlafen?» «Mampf!» «Hast du deine Turnsachen gepackt?» «Weissnicht.» «Du musst kurz warten, dein Bruder ist im Bad.» «Blödmann.»

Übrigens bewies mir mein Sohn kürzlich, dass er doch ganz logisch denken kann - sogar mehr als logisch. Ich fragte ihn nach seinen Hausaufgaben. Er: «Ich muss über das schreiben, was ich am besten kann.» «Aha, und was kannst du am besten?» Und er, nach kurzem Überlegen: «Schnufe!»

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