Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Tütato, Postauto»

Wenn es irgendwie geht, vermeidet Sandra C., dass ihre Kinder und Öffentliche Verkehrsmittel aufeinandertreffen. Nachdem die Familienbloggerin kürzlich einen erneuten Versuch wagte, weiss sie wieder, warum.
Familienblog Sandra C.: Zugfahrt mit Kind
© Getty Images

Sobald sich die Kinder auf Zugfahrten anfangen zu langweilen, kann es ganz schön anstrengend werden. Das weiss auch Familien-Bloggerin Sandra C.

Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht der grösste ÖV-Fan bin. Auch wenn ich ihre Vorteile, wenn ich jobmässig von A nach B kommen muss, durchaus zu schätzen weiss: Ich kann lesen, dösen, arbeiten, Musik hören - alles Dinge, die zu Hause mehr schlecht als recht gehen. Aber eben: Dann bin ich allein unterwegs. Mit Kleinkindern sind Zug-, Bus- oder Tramfahren sowieso der blanke Horror. Bis man nur schon den Kinderwagen reingemurkst hat - ganz zu schweigen vom abwechselnd schreienden und kotzenden Baby und den bitterbösen Blicken und Kommentaren der anderen Fahrgäste.

Nun, da meine Kinder älter sind, ist die Gefahr, dass sie kotzen im Auto zwar grösser als im Zug - aber die Nerven, die mich die Benutzung Öffentlicher Verkehrsmittel mit ihnen kostet, wiegt das fast schon wieder auf. Letzthin ergab es sich, dass ich vier Stunden mit ihnen unterwegs war, vom Tessin in die Bündner Berge. SBB, Postauto, RhB. Es regnete, und als wir in Locarno den Zug bestiegen, knirschte mein Turnschuh auf dem Abteilboden. Was meinen Sohn dazu veranlasste, laut durch den ganzen Waggon zu fragen: «Mami, häsch gfurzt?» Meine Tochter stand ihm in nichts nach: beim Verstauen ihrer Tasche kippte sie deren Inhalt auf den Boden, um dann - als ich mich bückte um das Zeug aufzulesen - durchs Abteil zu brüllen: «Mami, zieh die Hose rauf, man sieht deine Unterhose!»

In Bellinzona angekommen, hatten wir eine halbe Stunde Zeit, um etwas zu essen zu kaufen. Meine Ansage: «Ein Pack Chips zum Teilen.» Sie verbrachten 20 Minuten vor dem Chips-Regal, ohne sich zu einigen. Bis ich schliesslich ergeben meinte: «Dann nimmt halt jeder ein Pack für sich!» Erstaunlicherweise knusperten sie im Postauto eine Weile zufrieden vor sich hin, und veranstalteten statt der von mir befürchteten Riesen-Sauerei nur eine kleine. Dazu unterhielten sie sich zwar laut, aber friedlich, über dies und das. Da sonst niemand redete, wissen jetzt alle Passagiere dieser Fahrt bestens Bescheid über unser Familienleben, die Schule und darüber, dass ich keine Ahnung habe, wie Blitze entstehen oder wie der Goalie der honduranischen Nationalmannschaft heisst. Mit der Zeit wurde ihnen natürlich langweilig, und sie fingen an, sich gegenseitig zu schubsen und ignorierten meine Anweisung, stillzusitzen. Vom Postautofahrer reichte hingegen ein bestimmtes «Jetzt hockt still, sonst schmeiss ich euch raus!» Warum nur hab ich mich direkt hinter sie gesetzt und auf ihre Fragen reagiert? Jetzt ist es zu spät, um so zu tun, als würde ich sie nicht kennen.

Bahnhof Chur. Ich schlug einen Deal vor: Ich kaufe ihnen ein Glacé, sie benehmen sich die verbleibende Stunde Fahrt in der RhB einigermassen annehmbar. Ich hätts wissen müssen. Ein Cornet landete gefühlte zwei Minuten nach Abfahrt des Zuges auf dem Boden, das zweite im Gesicht des Kindes, welches über das Cornet am Boden gelacht hat. Und die Gruppe Teenager neben uns amüsierte sich köstlich über den Anblick der heillos überforderten Mutter, die am Zugboden rumkroch und Glacé aufputzte. Die letzte halbe Stunde dann noch der Klassiker: «Wann sind wir da?» «Mir ist langweilig.» «Er ist doof.» «Sie ist blöd.» «Wann sind wir da?» Ganz ehrlich: Als ich kurz vor dem Aussteigen schnell einen Blick in den Toilettenspiegel des Zugs riskierte, hätte ich schwören können, dass die grauen Haare da auf der Seite vor vier Stunden noch nicht dort waren!

«Mami», fragte mein Sohn am Tag danach. «Können wir wieder mit dem Zug und dem Postauto zurückfahren? Das war toll!»

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