Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Und plötzlich war ich auch «diese Eltern»

Dass der Sohn von Sandra C. bereits im Mutterleib ein Querkopf war, ist seit dem letzten Blog bekannt. Später entwickelte er sich im wahrsten Sinn des Wortes auch zum Querschläger. Und die Familienbloggerin, mit einem sehr lieben, sozialen ersten Kind gesegnet, sah sich plötzlich damit konfrontiert, die Mutter eines Prüglers zu sein.
Familienblog: Sandra C über agressiven Sohn
© Getty Images

Der Sohn von Familienbloggerin Sandra C. war lange Zeit der Schreck auf jedem Kinderspielplatz.

Nach seinem verquerten Start ins Leben zog mein Jüngster gut acht Monate lang ein Täuschungsmanöver vom Feinsten durch: Er war ein grossartiges Baby, schlief rasch durch, trank zügig und weinte selten. In der rechten Wange hatte er ein Grübchen, wenn er grinste, was sein zahnloses Lächeln noch herziger machte. Dann kriegte er Zähne - und machte regen Gebrauch von ihnen. Seine arme Schwester hatte manchmal regelrechte Blutergüsse an Armen und Beinen, in denen sich sein Gebiss - oder zumindest was davon bereits vorhanden war - abzeichnete. Noch schlimmer war allerdings, dass er anfing zu krabbeln. Sobald er mobil war, kletterte er überall rauf, fiel überall runter, grub alle Blumentöpfe im Haus um und nahm seiner Schwester alles weg, was diese in Händen hielt. Und er zeigte erstaunlich früh eine sehr perfide Ader: Kaum hatte er seine Schwester gebissen, gehauen oder ihr etwas weggenommen, fing er selbst an zu schreien wie am Spiess, und die arme Ältere musste erklären, dass nicht sie die Täterin war.

Es sollte noch schlimmer kommen. Zum einen waren da die regelmässigen Wutanfälle, während derer alles durch die Luft flog, was nicht niet- und nagelfest war. Und von denen ich selten wusste, was genau der Auslöser gewesen sein könnte. Und dann kam eben die Prügelphase. Mit meiner Älteren war ich mir ein eher scheues, sehr soziales Kind gewohnt. Meine Tochter freundete sich mit Vorliebe mit Aussenseitern auf dem Spielplatz an, lud sie ein, mitzuspielen, und traute sich nicht auf die Rutschbahn, wenn noch jemand anders in deren Nähe war. Immer wieder musste ich ihr zu Hilfe eilen, liess sie sich doch widerstandslos Spielsachen wegnehmen, die letzte freie Schaukel vor der Nase wegklauen oder mit Sand bewerfen. Und ja, ich dachte mehr als einmal für mich: «Haben diese Eltern das Kind denn nicht im Griff?»

Und plötzlich war ich auch «diese Eltern». Mein Junior holte auf der Rutschbahn jeweils den, der gerade am Raufsteigen war, von der Leiter, wenn er selbst raufwollte. Er schlug, schrie, nahm anderen ihre Sachen weg. Hundertmal bearbeitete ich ihn mit den gleichen Sätzen: «Das gehört nicht dir. Gib es wieder zurück, bitte. Du hast dem Mädchen weh getan, jetzt ist sie traurig. Entschuldige dich.» Hundertmal packte ich das tobende Kind in den Kinderwagen und schnallte es an, mit der Ansage, wenn es sich auf dem Spielplatz nicht benehmen könne, müsse es eben zuschauen. Hundertmal entschuldigte ich mich bei anderen Eltern. Hundertmal ertrug ich böse Blicke, Kopfschütteln und Bemerkungen wie «was ist das bloss für ein Kind!». Einmal kam ich dazu, wie ein Vater (die sind auf dem Spielplatz meist sehr viel engagierter als Mütter, wenn es darum geht, ihren Nachwuchs zu beschützen) meinen Sohn am Kragen gepackt hatte und ihm gerade eine scheuern wollte. Ich blieb erstaunlich ruhig, sagte: «Wenn sie mein Kind schlagen, zeige ich Sie an.» Ein Wortschwall ergoss sich über mich, was für ein grauenhafter Bub er sei, was er seiner Tochter alles angetan habe, und überhaupt, wie könne man nur so ein Kind haben.

Ich sagte nichts. Ich fragte mich selbst ja immer wieder, was ich falsch gemacht hatte. Und diesem Vater hier - und allen anderen Eltern - konnte ich ja nicht erklären, dass sie dieses Kind gar nicht kennen. Dass es auch ganz anders kann. Zum Beispiel an dem Tag, an dem wir meine Tante in der Reha besuchten. Im Gemeinschaftsraum sass eine alte Dame im Rollstuhl, an zig Schläuche angeschlossen, schwer atmend, ganz allein, abseits von allen anderen, die sich miteinander unterhielten. Meine Tochter schaute sie ängstlich an, machte einen grossen Bogen um sie. Mein Sohn schob einen Stuhl neben sie, kletterte drauf, und sagte: «Hoi Frau!» Sie nahm seine kleine Hand in ihre, legte sie sich mühsam an die Wange und lächelte. Vermutlich zum ersten Mal an diesem Tag.

Das ist eben auch mein Sohn. Trotzdem fürchtete ich mich vor dem Kindergartenstart. Ohne Grund, wie sich herausstellte. Denn mit seiner Einschulung fand der Prügel-Spuk ein Ende. Einfach so. Er hat zwar immer wieder mal «Rückfälle», in denen er sich nicht anders zu helfen weiss als mit Schlagen. Aber sie werden immer seltener - und er ärgert sich inzwischen über sich selbst, wenn ihm die Hand ausrutscht. Nein, ein Musterschüler ist er nicht. Er stellt jeden erdenklichen Blödsinn an, und es gibt Zeiten, in denen ich alle paar Wochen Anrufe bekomme oder in der Schule antraben muss. Aber er ist kein schlechter Schüler, hat viele Freunde und lässt seine Energie mittlerweile lieber beim Fussball, Skaten oder Velofahren raus. Und wenn ich bei Elterngesprächen gesagt bekomme, er schwatze zu viel während der Stunde, nicke ich besorgt und denke für mich: «Gott sei Dank. Es könnte hundertmal schlimmer sein.»

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