Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Meine Nerven!

Es waren wieder einmal Ferien. So sehr es Sandra C. auch geniesst, ihren Nachwuchs mehr als üblich um sich zu haben, ist sie doch jeweils ganz froh, wenn dieser die Schulrucksäcke wieder packt. Und die Familienbloggerin fragt sich, warum ihr das eigene Fleisch und Blut eigentlich so viel mehr auf die Nerven geht als andere Kinder.
Familienbloggerin Sandra C. über Kinder, Schulferien, Skifahren, Streit
© iStock

Skiferien mit den Kindern kosten Sandra C. viele Nerven. Deshalb ist sie froh, wenn die Schule wieder losgeht.

Eigentlich sind die Schulferien ja eine tolle Sache. Und in den ersten paar Tagen freue ich mich auch immer, besonders morgens: kein Gemaule über Aufstehen, Kleider oder weil es kein Joghurt mehr hat, kein hektisches Suchen nach Turnsachen oder Etuis, keine Tränen, weil man doch zu wenig für den Englisch-Test gelernt hat, kein Gestreite, kein Geschrei. Nur himmlische Ruhe - und das Gepiepe von iPad und Co. Und während mich dieses vor dem ersten Kaffee noch gar nicht so stresst, komme ich eine gute Stunde später regelmässig in Versuchung, den gesamten technischen Krempel zum Fenster rauszuschmeissen. Vor allem wenn wir in den Bergen sind, draussen schönstes Wetter herrscht und die Jungmannschaft keine Anstalten macht, sich zu bewegen, sondern nur in diese Geräte starrt. Unter Androhung der härtesten Strafen überhaupt - iPad-, Handy-, Nintendo- und TV-Verbot für die kompletten Sportferien - gelingt es mir jeweils, Sohn und Tochter mit mir auf die Piste zu schleppen. Wobei ich bereits weiss, dass ich auch dort Nerven wie Drahtseile brauchen werde.

Was mich nachdenklich macht: Während meiner Gymi-Zeit habe ich mir mein Taschengeld jeweils als Kinder-Skilehrerin aufgebessert. Und niemals hat mich eines dieser Kinder auf der Skipiste auch nur annähernd so zur Weissglut getrieben, wie das meine eigenen Kids manchmal tun. Gut, der, welcher auf einer Waldabfahrt mal so dringend aufs Klo musste, dass er keine zwei Minuten mehr warten konnte, bis wir unten waren, war ziemlich nah dran. Nicht, weil er hinter dem Baum, wo ich ihn hingeschickt hatte, zielsicher in die Kapuze seines runtergelassenen Skianzuges pinkelte. Sondern weil er darauf bestand, dass ich das Zeug ausleere, er könne das nicht selbst, und sonst fahre er keinen Meter mehr.

Eben: Ich habe da alles erlebt. Kleinkinder, die zwei Stunden lang im Schnee lagen und «Mami» schluchzten. Halbwüchsige Jungs, die sich auf dem Skilift mit den Skistöcken die Nasen blutig schlugen (ganz toll, das deren Eltern beim Abholen irgendwie zu erklären…). Geheule, Geschrei, Gestreite, verlorene Skistöcke, Handschuhe, Skibrillen. Vielleicht ist meine Erinnerung zwanzig Jahre später ein bisschen getrübt, aber irgendwie gab es damals nichts, was sich - je nach Alter - nicht mit Sugus oder einem lockeren Spruch lösen liess.

Heute ist das anders. Für Sugus haben meine Kinder lediglich ein müdes Lächeln übrig, und meine Sprüche sind ihnen entweder peinlich (die Grosse) oder sie verstehen den Witz nicht und sind beleidigt (der Kleine). Aber warum rege ich mich überhaupt noch auf, wenn mein Sohn schreit, flucht und mir die Schuld gibt, wenn er sich mit dem Snowboard flachlegt (im Übrigen der grösste Vorteil, wenn beide mit Boards statt auf Skiern unterwegs sind: Sie haben keine Stöcke dabei, mit denen sie aufeinander einprügeln können)? Oder wenn meine Tochter den ganzen Nachmittag hässig ist und kaum mit mir redet, weil ich fand, es brauche kein zweites Stück Apfelstrudel zum Dessert? Vermutlich ist die Antwort relativ einfach: Bei meinen Skischülern wusste ich jeweils nicht im Voraus, ob sich heute zwei prügeln oder einer in die Hose macht.

Bei meinen Kindern weiss ich genau, was auf mich zukommt. Und nehme mir immer vor, diesmal ganz gelassen zu reagieren. Und dann nerve ich mich über mich selbst, weil es mir nicht gelingt. Ich rege mich also in erster Linie über mich selbst auf - wohl auch deshalb, weil ich weiss, dass ich gar nicht so anders bin als meine Kinder. Ich fluche nämlich grausig, wenn es mich auf den Skiern hinhaut (wenn auch so, dass es die Kinder hoffentlich nicht mitbekommen) und Schuld ist der Idiot, der so nah an mir vorbeifuhr. Und zwei Stück Apfelstrudel krieg ich problemlos runter. Wobei ich dafür - im Gegensatz zu meiner Tochter - einen guten Grund habe: Sportferien plus Skipiste plus zwei eigene Kinder gleich dringender Bedarf an Nervennahrung!

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