Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Selbst ist das Kind - oder auch nicht!

Kennt ihr diese Tage, an denen ihr durch die Stadt geht und ihr seht überall Kinderwagen und Babys, liebe Mütter? Und es kommen euch die Tränen, weil es gar nicht lange her ist, dass eure Kinder so winzig waren? Familienbloggerin Sandra C. hat ein leicht schizophrenes Verhältnis zum Älterwerden und Loslassen der Kinder: Einerseits trauert sie den Baby-Zeiten hinterher. Andererseits fürchtet sie, der Nachwuchs könnte nie von zu Hause ausziehen.
Familienblog Sandra C: Babys und selbstständige Kinder
© Getty Images

Babys, die noch den kompletten Schutz ihrer Eltern brauchen, sind doch wunderbar, findet Familienbloggerin Sandra C. Dennoch ist sie auch froh, wenn ihre beiden Sprösslinge unabhängig werden.

«Kriegen wir jetzt nochmal ein Kind oder was?», fragte kürzlich mein Sohn. Ich war so perplex, dass ich erst gar nicht begriff, was er eigentlich sagen wollte. «Was willst denn du für ein Kind?» «Einen Bruder, dänk!», meinte er genervt. «Also kriegen wir jetzt nochmal ein Kind?» Nun, da ich weder über die Connections noch über die finanziellen Mittel einer Angelina Jolie oder einer Madonna verfüge, und mir nicht mal so in irgend einem Waisenhaus auf dieser Welt einen Bruder für meinen Sohn posten kann, müsste ich den wohl oder übel selbst austragen. Und da gibts drei Probleme. Nummer 1: Ich will nicht. Nr. 2: Ich will nicht. Und Nr. 3: Ich will nicht.

Dabei liebe ich es, die Babys meiner Freundinnen rumzuschleppen, sie zum Lachen zu bringen - und ganz verzückt zu meiner Tochter zu sagen: «Gerade erst warst du noch so klein!» (Worauf sie genervt mit den Augen rollt.) Ich will kein drittes Kind - ich habe zwei Hände, zwei Augen und zwei Hirnhälften, die reichen nicht für drei Kinder (ganz zu schweigen von meinen Nerven). Aber manchmal wünschte ich mir, sie würden nicht so verdammt schnell gross werden. Dieses spezielle Gefühl, dass es da kleine Menschen gibt, die ohne dich total aufgeschmissen wären. Schritt für Schritt wird diese Abhängigkeit weniger. Was absolut toll ist, denn wenn sie das nicht wird, hast du als Mutter was falsch gemacht.

Und trotzdem gibt es immer wieder diese Momente, an denen ich mir wünschte, sie wären nicht ganz so unabhängig. Wenn ich meiner Tochter peinlich bin, wenn ich zum Autoradio mitsinge, obwohl uns kein Mensch hört. Wenn mein Sohn lieber mit seinem Velo durch die Strassen düst statt mit mir zum Einkaufen zu kommen - was er früher geliebt hat. Wenn beide lieber «Star Wars» schauen statt «Wickie», weil sie finden, letzterer sei was für Babys. Wenn sie am Tisch schon die Nase rümpfen, ohne probiert zu haben. (Meine Bemerkung, sie sollen sich zusammenreissen, schliesslich sei es noch gar nicht so lange her, dass sie sich über meinen Körper ernährt haben, quittierten sie mit eindeutigen Würgegeräuschen.)

Und dann gibt es wieder Momente, in denen ich finde, sie könnten doch langsam aber sicher ein bisschen selbstständiger werden. Wenn mein Sohn das neue Schloss für seinen Scooter verliert - das ich ihm kaufte, weil er für das alte beide Schlüssel verloren hat (Ja, ich weiss, das war erzieherisch unklug, aber da kommen wir halt wieder zu meinen Nerven: Lieber nochmal ein Schloss kaufen als jeden Morgen das Gejammer ertragen, weil er zu Fuss zur Schule muss). Wenn meine Tochter es nicht übers Herz - beziehungsweise die Lippen - bringt, im Restaurant am Nebentisch freundlich zu fragen, ob der Stuhl noch frei sei und solange mit säuerlichem Gesichtsausdruck am Tisch steht, bis ich aufstehe und frage (Ja, ich weiss, auch das war erzieherisch unklug, aber die hätte sonst ewig dort gestanden und mir das Essen versauert.) Wenn mein Sohn sich weigert, seine Hausaufgaben zu machen. Also jeden Tag. Und ich danebensitze und immer wieder sage: «Nein, du musst sie selbst machen, ich mach sie nicht.», «Es ist mir egal, ob du Lust hast.» Und: «Weil du eben musst, fertig!» Ja, ich weiss, auch da, erzieherisch ganz schwierig. Zum Glück hat das Kind eine grosse Schwester. Die sagte nämlich letzthin, als sie die Hausaufgabendiskussion mitbekam, zu ihrem Bruder: «Warum du die machen musst? Weil du sonst als Penner auf der Strasse landest. Darum.»

Das Kind hats einfach drauf. Ich glaube, wenn man sie lassen würde, würde meine Tochter morgen von zu Hause ausziehen und sich irgendwie durchschlagen (solange sie nicht im Restaurant nach einem freien Stuhl fragen müsste). Und mein Junior? So wie ich das jetzt sehe, muss ich den irgendwann rausschmeissen, weil von selbst zieht er gar nie aus. Ich bin nicht ganz sicher, was von beidem ich besser finde.

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