Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«So gehst du nicht aus dem Haus!»

In Sachen Mode hat Familienbloggerin Sandra C. mit ihrem Nachwuchs schon ziemlich viel mitgemacht. Von der pinken Prinzessinnenphase ihrer Tochter über ihre Vorliebe für Hello-Kitty-Klamotten (die des Juniors für Spiderman-Shirts hält noch immer an, leider Gottes) bis hin zu ihrer schlichten Weigerung, Socken zu tragen. Dabei hätte die Bloggerin kaum gedacht, dass sie den Zeiten, in denen ihr Töchterlein sich gern von Kopf bis Fuss rosa kleidete, mal ein kleines bisschen nachtrauern würde.
Familienblog Sandra C.: Kinder und Mode
© Getty Images

Die Tochter von Sandra C. hat für Mode eine ganz eigene Definition und würde nichts anziehen, was sie nicht selbst ausgesucht hat.

«So gehst du nicht aus dem Haus!» Eigentlich dachte ich, diesen Satz würde ich frühestens anwenden müssen, wenn meine Tochter pubertiert. Nun, es ist schon heute häufig der Fall. Zum Glück (noch) nicht, weil sie sich zu freizügig kleiden würde. Aber irgendwie haben für meine Neuneinhalbjährige Klamotten erstaunlich wenig mit Jahreszeiten zu tun. Aus irgendeinem Grund hasst sie Socken und findet, Crocs (kennt ihr? Diese unanständig hässlichen Gummilatschen, die ich nicht mal zum Rasenmähen anziehen würde? Das heisst, wenn ich denn wüsste, wie der Rasenmäher funktioniert…) seien auch im Winter eine völlig angemessene Fussbekleidung. Sie versucht auch, sich regelmässig ohne Jacke aus dem Haus zu schleichen - ganz zu schweigen von Mütze und Handschuhen.

Das hat dann wenigstens den Vorteil, dass sie die Sachen nicht in der Schule liegenlässt, so, wie ihr Bruder das regelmässig tut. (Ja, man kann offenbar auch bei Minustemperaturen nach dem Sportunterricht einfach in T-Shirt und Trainerhose nach Hause laufen. Ich bin gespannt, ob er es schafft, nach den Sportferien, wenn sie erstmals Schwimmunterricht haben, in der Badehose heimzukommen. Das nur so am Rande.) Auch sonst gilt für meine Grosse, «cool» - oder zumindest das, was sie dafür hält - geht über «praktisch». Und auch über «logisch». Skihose zum Schlittschuhlaufen? Nie im Leben! Vorpubertierende tragen heutzutage auf dem Eisfeld Leggins (die man sich über Schlittschuhe und Kufen zieht, damit sie unten auch ja zerreissen) und ein kurzes Röckchen. Selbst wenn man sich dabei den Arsch abfriert! Normale Skihosen auf der Piste? Geht gar nicht! Es müssen so richtig breite Boarderhosen sein. Hab ich ihr also so ein Teil gekauft - man will ja nicht uncool sein als Mutter - und das Ding hing ihr dann prompt zwischen den Kniekehlen, als sie erstmals damit auf dem Snowboard stand.

Überhaupt haben meine Tochter und ich rein modetechnisch nicht wirklich den gleichen Geschmack. Was hatte ich mich darauf gefreut, erstmals mit ihr Kleidershoppen zu gehen. Tja, es war für alle mehr Stress als Spass. Vor allem für die arme Verkäuferin. Sie zog Shirt um Shirt, Hose um Hose aus den Regalen, um verzweifelt etwas zu finden, das uns beiden passt. Ich versuchte also, meiner Tochter zu erklären, dass ich weder Lady Gaga noch Minnie Mouse für geeignete Stilvorbilder einer Neunjährigen halte. Genervt entgegnete sie mir, die seien ihr so was von piepegal, sie wolle rumlaufen wie «Rainbow Dash» aus der Serie «Equestria Girls». So, jetzt googelt das Teil mal. Na ja, der Name sagt ja eigentlich alles. Auf jeden Fall konnten wir uns nach über einer Stunde im Kinderkleidergeschäft gerade mal auf ein einziges Shirt einigen.

Da machts mir mein Sohn wesentlich einfacher. Irgendwie kann ich mit seiner Vorliebe für Superhelden auf seinen Klamotten fast besser leben wie mit der meiner Tochter für möglichst viel Blingbling sowie für schreiende Farben und Muster, die ja nicht zusammenpassen dürfen. Und wenn ich die Spiderman-Shirts ganz hinten in den Schrank räume, trägt er sie höchstens alle 14 Tage mal, weil er immer einfach das vorderste Teil aus dem Kasten zerrt. Dabei hat mein Junior eine Macke, die seine Schwester nicht hat. Und ich bekenne mich schuldig - er hat sie eindeutig von mir: Schuhe!

Wenn mein Siebeneinhalbjähriger ein Paar Sneakers im Schaufenster sieht, die ihm gefallen, kann er mich so lange nerven, bis ich sie ihm kaufe - obwohl er schon ein ähnliches Paar hat! Und während ihm bei Klamotten die Marke (noch) völlig egal ist, weiss er bei Turnschuhen schon genau, was er will: Converse, DCs, BKs - sprich, nur nichts Günstiges! (Und die Teuren halten im Fall nicht länger, wenn man regelmässig mit ihnen Skateboard, Scooter und Velo fährt.) Aber eben, da ich seinen Schuhtick soooo gut nachvollziehen kann, werde ich meistens schwach. Und ich gebe zu, ich lebe mein «Fashionvictimtum» gern auch mal über ihn aus, nachdem meine Tochter nie etwas anziehen würde, was sie nicht selbst ausgesucht hat. So habe ich meinem Junior letzthin David-Beckham-Unterwäsche gekauft (und hoffe, das wird jetzt kein Eigentor, und er will sich irgendwann das Innenleben einer Kathedrale auf den Arm tätowieren lassen - «so wie Beckham, Mami, den fandest du doch so cool, dass ich sogar seine Unterhosen tragen musste!») Was natürlich völlig dämlich ist, da die eh niemand sieht. Aber das ist ja das Schöne an Mode: Es muss nicht immer alles Sinn machen.

Meine Tochter erklärte mir übrigens kürzlich, an ihrem nächsten Geburtstag wolle sie eine «Fäschingparty» schmeissen. «Fasching oder Fashion?», fragte ich. «Was ist der Unterschied?», fragte sie. Ich: «Fasching heisst Fasnacht, Fashion heisst Mode.» Und sie: «Und was ist jetzt genau der Unterschied?» Eben.

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