Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Neiderin, Teil 2

Vergangene Woche gestand Sandra C. ihren Neid gegenüber allen Kinderlosen. Diese Woche muss die Familienbloggerin gestehen, dass es noch viel mehr Leute gibt, die sie beneidet. Zum Beispiel junge Eltern mit kleinen Kindern. Weil diese nämlich in einer Phase sind, in der sie die Kinderlosen noch nicht beneiden.
Blog Sandra C: Kinder schlafen, Liebe
© Getty Images

Sandra C. vermisst die schlaflosen Nächte nicht.

Eigentlich behaupte ich gern von mir, grundsätzlich kein neidischer Mensch zu sein. Die Sache mit dem Neid ist eben, dass man da nie wieder rauskommt, wenn man mal damit anfängt. Es gibt immer jemanden, der oder die etwas hat, kann oder ist, wovon man selbst weit entfernt ist. Und ich bin sicher, dass man nur dann glücklich sein kann, wenn man auch anderen ihr Glück gönnt.

Nun ist es beileibe nicht so, dass ich anderen ihr Glück nicht gönnen mag. Aber es ist gerade auch nicht so, dass ich vollkommen neidfrei wäre. Auf meinen letzten Blog, in dem ich meinen Neid gegenüber allen Kinderlosen gestand, erhielt ich einige Reaktionen von jungen Müttern mit kleinen Kindern, die überhaupt nicht nachvollziehen können, dass man als Mutter jemanden um Städtetrips und Partys am Wochenende beneiden kann, wenn man selbst seine Zeit doch mit dem Wertvollsten auf der Welt verbringen kann, seinem eigenen Fleisch und Blut. Die lieben Kleinen würden ja so schnell gross und dann hat man wieder alle Zeit der Welt. Nur: Meine «Kleinen» sind schon ziemlich gross. Ihr Interesse an gemeinsamer Zeit mit mir hält sich in Grenzen. Sie haben ihr eigenes Leben, sind selbstständig und unabhängig - aber eben noch nicht so selbstständig und unabhängig, dass ich auch wieder frei über meine Zeit verfügen kann.

Das ist natürlich völlig in Ordnung. Trotzdem erwische ich mich immer öfter dabei, nicht nur Leute ohne Kinder zu beneiden, sondern auch solche mit süssen kleinen Kindern. Ich vermisse es nicht, kleine Kinder zu haben. Im Gegenteil, ich lebe sehr gut ohne schlaflose Nächte, Windeln wechseln und Spielplatzbesuche. Aber ich vermisse die Zeit, in der alles so klar war. In der ich nichts vermisste, nie das Gefühl hatte, auf etwas zu verzichten, weil es nichts Schöneres, Besseres und Grösseres gab, als meine Kinder und ihre Entwicklung.

Es gibt immer noch nichts Grösseres als meine Kinder für mich. Umgekehrt gibt es für sie, im Gegensatz zu damals, sehr viel, das sie sehr viel toller finden als mich. Und es gäbe eben Dinge, die ich toller fände als meine Wochenenden in irgendwelchen Turnhallen zu verbringen, während ich es noch vor ein paar Jahren super fand, meine süssen Kleinen im Sandkasten zu beobachten - wenn sie ihn nicht gerade leer zu essen versuchten oder anderen Kindern deren Schaufel stahlen und sie ihnen über den Kopf hauten (ich merke grad, dass der Sandkasten ein blödes Beispiel ist, aber ihr versteht, was ich meine, oder?).

Letzthin war ich mit einer Freundin beim Kaffee. Sie ist gerade mit dem zweiten Kind schwanger, hatte ihre zweijährige Tochter auf dem Schoss und versuchte verzweifelt zu verhindern, dass die Kleine den gesamten Tisch «abräumte». Da rief mich meine Tochter an. Sie war bei einer Freundin und wollte abgeholt werden. Ich sagte ihr, ich sei noch unterwegs, könne aber in einer halben Stunde dort sein, sonst müsse sie halt nach Hause laufen. Sie überlegte hin und her und her und hin, ob sie nun eine halbe Stunde warten oder lieber heimlaufen wolle, bis ich keine Geduld mehr hatte und leicht genervt auflegte. In dem Moment strahlte die Kleine meiner Freundin ihre Mutter an und sagte «Mama». Und ich wusste genau, wie sich meine Freundin jetzt fühlte. Und um dieses Gefühl einer Kleinkind-Mutter, um diesen Moment, in dem die ganze Welt egal ist und nur dieses kleine Mädchen zählt, beneide ich sie.

So, und jetzt hör ich auf mit der Neiderei und schaue mit meinen Kids «Harry Potter» - was ich ohne sie kaum tun und wirklich etwas verpassen würde - und dann geh ich ins Bett und schlafe die ganze Nacht durch.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.