Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kinder, was seid ihr gross geworden!

Die Freundinnen und Kolleginnen von Sandra C. haben sich fast alle mehr Zeit gelassen mit dem Kinderkriegen als sie selbst, und sind jetzt Mütter von supersüssen Kleinen. Grössere Kinder haben viele Vorteile, findet die Familienbloggerin im Vergleich - und gesteht (ungern!) dass sie doch ein kleines bisschen neidisch ist.
Blog Der ganz normale Wahnsinn Kinder wachsen Junge
© iStockphoto

«Sind die aber gross geworden!» - Bloggerin Sandra C. hört den Ausruf (leider) nur noch selten.

Kürzlich sass ich mit ein paar Kolleginnen beim Kaffee. Sie sind alle innerhalb der letzten zwei, drei Jahre Mutter geworden und zeigten fleissig Babyfotos auf ihren Handys. «Sie kann jetzt laufen!» - «Sie sagt jetzt «Ja» und «Mama»!» Ich war - ganz entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten - recht ruhig. Was sollte ich auch sagen? «Sie hat schon Pickel gekriegt, und ich glaube, auch einen Brustansatz entdeckt zu haben!»? Auch Fotos zeigte ich keine. Ich finde meine Kinder zwar immer noch - und auch mit Pickeln - die Schönsten der Welt. Aber gegen eine zuckerschnutige blondegelockte Zweijährige haben sie keine Chance. Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht: Meine Kinder haben längst ihren «Jöh-Effekt» verloren. Und ich gebe zu, ich bin ein bisschen neidisch auf alle Eltern, deren Nachwuchs noch damit gesegnet ist.

Ein bisschen vermisse ich sie schon, die Zeiten, als alle begeistert «Jöh» sagten, wenn ich mit meinem blonden, sommersprossigen Engelchen und meinem rotgelockten Bengelchen auftauchte. Heute hat der blonde Engel nicht mehr nur Sommersprossen, sondern, wie gesagt, auch die ersten Pickel im Gesicht (und die Sommersprossen hat sie auch schon versucht zu überschminken). Und der rothaarige Bengel besteht auf einen Coiffeurbesuch, bevor er wieder richtige Locken hat, sonst würden alle sagen, er sähe aus wie ein Mädchen (und schmiert sich öfter mal so viel Gel ins Haar, dass man beim Reinfassen kleben bleiben würde). Der Ausruf «sind die aber gross geworden» ist nicht mehr humor- und liebevoll gemeint, sondern tatsächlich sehr plastisch: Meine Tochter ist mit ihren über 150 Zentimetern inzwischen fast so gross wie einige meiner Freundinnen, und SIE könnten IHRE Schuhe nachtragen (wenn sie denn auf «Skechers»-Sneakers und Doc Martens stehen würden). Auch mein «Kleiner» ist nicht mehr wirklich klein, sondern einen guten Kopf grösser als die meisten seiner Freunde. Statt seines Kuscheltiers (das wir im letzten Türkei-Urlaub vergessen haben, was er aber nicht besonders tragisch fand) schleppt er jetzt entweder einen Fussball, ein Skateboard oder seinen Nintendo mit sich rum - und macht mir fast täglich die Hölle heiss, weil ich mich weigere, ihm ein iPhone zu kaufen.

Natürlich weiss ich die Vorteile zu schätzen, grössere Kinder zu haben. Ich muss im Sommer am See nicht alle paar Minuten aufspringen wenn mein Kind in Richtung Wasser zottelt. Unser Freizeitprogramm besteht nicht mehr nur aus Spielplatz und Planschbecken im Hallenbad; wir gehen zusammen skifahren, wandern, ins Kino, auf Ausflüge. Und immer öfter wollen sie mich gar nicht mehr dabei haben. Zum Beispiel wenn sie sich mit ihren Freunden auf dem Eisfeld treffen. Dann habe ich etwas, was ich seit über zehn Jahren kaum mehr hatte: zwei Stunden allein für mich. (In denen ich mich fast immer zu Tode langweile. Denn bis ich mich entschieden habe, was ich jetzt mit ihnen anfangen soll, sind sie auch schon wieder vorbei.) Und selbstverständlich binde ich all das meinen Freundinnen mit kleinen Kindern äusserst gern auf die Nase, während sie versuchen, ihren zuckersüssen, aber hyperaktiven Nachwuchs daran zu hindern, am Tischtuch zu ziehen.

Sie müssen ja nicht wissen, dass ich mich im Schuhladen immer wieder mal in die Babyabteilung «verirre» und die niedlichen rosa Turnschühchen anschmachte, während meine Tochter ihre Docs anprobiert, Grösse 37. Oder dass ich auf meinem Handy immer noch ein paar Babyfotos von meinen Kids habe, einfach für den Fall, dass mal jemand wissen möchte, wie süss die mal waren. Oder dass ich mir manchmal allein im Auto die alten Kinder-CDs anhöre, die bei meinem Nachwuchs längst von Katy Perry und den White Stripes abgelöst wurden. Aber eben - das geht eigentlich auch euch nichts an. Deshalb hier die offizielle Version: Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass meine grossen Kleinen jetzt eher kleine Grosse sind. Und finde es super, dass sie so selbstständig sind, und komme mir nur ab und zu ein ganz kleines bisschen überflüssig vor. Ehrenwort.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.