Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Macho im Taschenformat

Der Sohn von Sandra C. brauchte genau sechs Schulstunden im neuen Schuljahr, bis seine Mutter einen Anruf wegen ihm erhielt. Was ist nur aus ihrem süssen kleinen Jungen geworden, fragt sich die Familienbloggerin.
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© iStockphoto/Getty Images

Was für ein Schulstart! Sandras Sohn ist offenbar in den Sommerferien vom herzigen Schlingel zum Macho mutiert.

Zugegeben, mein Sohn war noch nie ein Musterkind. Anrufe aus Kindergarten, Schule und von anderen Eltern bin ich mir eigentlich gewohnt. (Letztes Jahr dauerte es aber immerhin gut zwei Wochen, bis der erste kam.) Meist hat er mit seinen Kumpels irgendeinen Blödsinn angestellt und war so dumm, sich dabei erwischen zu lassen.

Aber diesmal war es anders. Irgendwie ist mein Sohn in letzter Zeit vom herzigen Schlingel à la Michel von Lönneberga zum Macho mutiert! Plötzlich läuft er wie John Wayne durch die Gegend, hat eine Riesenklappe und versucht, Mädchen und Jungs gleichermassen zu beeindrucken. Leider nicht nur mit Salti und Kopfsprüngen vom Poolrand, sondern zuweilen auch mit rassistischen und frauenfeindlichen Sprüchen. Zu sagen, dass ich geschockt war, als mir so was erstmals zu Ohren kam, ist noch untertrieben. Ich dachte wirklich, wenn man seinen Kindern Offenheit und Toleranz vorlebt, kommt es nicht so weit. Ich habe falsch gedacht. Offenbar ist mein Sohn in einer Phase, in der sein Geltungsdrang um einiges grösser ist als alles, was er von zu Hause mitbekommen hat.

Dabei hatte ich so gehofft, dass er noch eine Weile mein «Baby» bleibt, nachdem meine Tochter in den Sommerferien vollends zum Teenie wurde: Sie schlief bis mittags und schickte mir von der anderen Seite des Pools aus SMS mit der Bitte um Fotos von Sascha, die sie ihren neuen Freundinnen zeigen konnte. (Sascha ist per Definition ihr Freund - keine Ahnung, ob der arme Kerl überhaupt gefragt wurde, aber bis jetzt akzeptiert er stillschweigend.) Aber eben, ich hatte ja noch den Kleinen. Hatte. Bis die Klamotten wichtig wurden, und die Frisur, und ich jetzt immer eine Notfallration Haargel in der Handtasche mitnehmen muss, wenn wir zusammen unterwegs sind. Was ja alles einigermassen erträglich ist. Aber eben - zurück zu dem Anruf am ersten Schultag. Er habe einem Mädchen die Hose runtergezogen. Er sagt, es stimme nicht, es sei ein anderer gewesen, er habe nur zugeschaut, und ich glaube ihm (wenn ich jetzt schon anzweifle, was er sagt, erzählt er mir nie wieder etwas). Aber ich kann verstehen, dass ein Mädchen-Vater nicht gerade begeistert reagiert auf so einen Mini-Macho - oder sogar zwei, drei davon.

Ob er das nun getan hat oder nicht - in Sachen Erziehung wartet offenbar eine ganz neue Herausforderung auf mich. Es ist nicht mehr damit getan, dem Schlitzohr zu sagen, dass man keine Post aus Briefkästen klaut und sie in andere Briefkästen schmeisst, und sich dabei ein Grinsen zu verkneifen. Jetzt geht es darum, meinem Sohn zu vermitteln, dass er jederzeit mit seinen Leistungen blöffen kann - aber niemals mit blöden Sprüchen auf Kosten anderer. Dass jemanden anzufassen - und seis nur an den Kleidern -, wenn er oder sie das nicht will, gar nicht geht. (Und dabei zuschauen eigentlich auch nicht.) Und jemanden wegen irgendwelchen körperlichen oder sonstigen gegebenen Merkmalen zu hänseln ist absolut unterste Schublade. Ich weiss, dass er das eigentlich weiss. Denn ich weigere mich zu glauben, dass das, was er vorgelebt bekommt, für ihn keine Rolle spielt. Und ich glaube, dass er sich in nächster Zeit zwei Mal überlegen wird, bevor er sich eine Respektlosigkeit erlaubt. Ich habe ihm nämlich gedroht, dass, wenn mir wieder so was zu Ohren kommt, ich all seinen Kumpels erzähle, dass ihr obercooler Taschen-Macho fast jede Nacht zu Mami ins Bett gekrochen kommt. Ein bisschen ist er eben doch noch mein Baby.

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