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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Kind und Körperkult

Kürzlich diskutierte der SRF-«Club» über das Thema Körperkult, Schönheitsdruck und Body Shaming. Für Sandra C. immer wieder ein Thema – nicht nur, aber vor allem wegen ihrer pubertierenden Tochter.

Fitness-Model Anja Zeidler liess sich die Brüste vergrössern. Nackt-Künstlerin Milo Moiré findet, es gebe eine universelle Schönheit (Bullshit: Es gibt ein Schönheitsideal, das dem jeweiligen Zeitgeist entspricht, und sich immer wieder mal wandelt). Und Body-Positivity-Bloggerin Morena Diaz wurde dank ihrer Wandlung vom Fitness-Freak zur normalen Frau, die ihren Körper mit Dellen und Speckröllchen akzeptiert, zum Instagram-Star. So viel zu den Gästen der SRF-Sendung. So weit, so gut. Und so weit weg von meinem eigenen Leben.

Ich fand nämlich vor einiger Zeit ein knapp 13-jähriges Häufchen Elend in seinem Zimmer. Ein Freund meiner Tochter hat offenbar eine Bemerkung über ihren Körper gemacht. Und ihr, der sonst ziemlich vieles am Allerwertesten vorbeigeht, ging diese Bemerkung offenbar ziemlich an die Nieren.

Fühlst du dich wohl in deinem Körper?

«Ist doch egal, was der sagt», wage ich einen Versuch – einen total doofen, denn in dem Moment ist es dermassen offensichtlich nicht egal für sie – «du musst dich in deinem Körper wohl fühlen. Tust du das?» – «Nein!» Oh je, klare Ansage.

Klar, Teenager fühlen sich nie wohl in ihrem Körper – und wenn wir ehrlich sind, tun das die wenigsten von uns, auch wenn wir das Teenager-Alter hinter uns haben. Meine Tochter ist nicht klein und fein wie einige ihrer Freundinnen, das muss sie auch nicht sein, und es war nie wirklich ein Problem für sie. Aber jetzt offenbar schon.

Warum versteckt sie die Süssigkeiten?

«Wie möchtest du denn sein?», frage ich. «Dünner», schnieft sie. «Aber ich kann keine Diät machen, das halte ich nicht durch.» Um Himmels Willen, das fehlt mir gerade noch, dass meine 13-Jährige von einer Diät redet!

Trotzdem ist jetzt der Moment gekommen, den Tatsachen ins Auge zu blicken. «Du musst keine Diät machen. Aber du könntest aufhören, Süssigkeiten in deinen Schubladen zu horten», sage ich, und öffne ihre überquellende Nachttischschublade. Ich frage mich schon lange, warum sie das Zeug versteckt – es hat ihr nie jemand verboten, Süsses zu essen. Die Antwort, auf die ich komme, gibt mir zu denken: Sie versteckt es wohl irgendwie vor sich selbst. Weil sie eigentlich so dünn sein will wie einige ihrer Freundinnen, aber es nicht schafft, auf ihre tägliche Süssigkeitenration zu verzichten.

Modelmassen und Bodybuilder-Körper

Fakt ist: Sie ist der kurvige Typ und wird das immer sein. Sie kann nicht essen, ohne zuzunehmen. Und wenn sie ein heutiges Schlankheitsideal erreichen will, muss sie auf mehr verzichten als andere. Ob die Erreichung dieses Schlankheitsideals für sie erstrebenswert ist, muss sie für sich selbst entscheiden – und wird vielleicht auch in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens zu unterschiedlichen Schlüssen kommen.

Und dabei tauge ich selbst wohl nur bedingt als Vorbild. Denn so sehr ich den Body-Positivity-Trend begrüsse, siehts bei mir doch ein bisschen anders aus. Ich hab zwar keine allzu schlechten Gene vererbt bekommen, aber ein bisschen Bewegung und viel Wasser trinken reicht bei weitem nicht mehr aus, um so auszusehen, dass ich mich für einigermassen akzeptabel halte – und ich rede hier mitnichten von Modelmassen oder einem Bodybuilder-Körper.

Und wenn ich grad wählen könnte, hätte ich gern fünf Kilo Fett weniger und zwei Kilo Muskeln mehr. Es ist so: Ich trainiere fast jeden Tag auf die eine oder andere Art und Weise (mal Joggen, mal Biken, mal Fitness-Studio), ich verzichte so gut es geht auf Zucker und esse abends keine Kohlenhydrate. Das liegt für mich im Bereich des Möglichen. Mehr quälen würde ich mich nicht. Aber würde ich akzeptabel (für mich!) aussehen ohne all das, würd ich es sein lassen.

Meine Tochter muss selbst entscheiden

Ich erwarte das nicht von meiner Tochter (im Gegenteil – in ihrem Alter fände ich das leicht angsteinflössend). Wir essen zu Hause ausgewogen, sie tanzt und spielt Volleyball. Darüber, was sich in ihrer Nachttischschublade befindet, muss sie selbst entscheiden.

«Du musst mir verbieten, Süssigkeiten zu kaufen!», sagt sie. – «Würdest du dich dran halten?» – «Nein.» – «Ich mach dir einen Vorschlag: Wenn du im Laden stehst, überleg, ob du das, was du kaufen willst, jetzt wirklich, wirklich brauchst. Ist die Antwort ja, dann kaufs und geniess es. Ist sie nein, dann legs wieder zurück, und mach ein Strichil auf ein Blatt Papier. Wenn du zehn Strichli hast, gehen wir ein neues Shirt kaufen.»

Sie hat mir letzthin zwanzig Strichli präsentiert. Aber ihre Nachttischschublade ist leer.