Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Grösserwerden tut weh

Das mit dem Grösserwerden ist so eine Sache. Damit, dass der Ablösungsprozess auf beiden Seiten ab und zu schmerzhaft ist, hat Sandra C. gerechnet. Dass sich beide Seiten dabei auch mal massiv überschätzen, hat die Familienbloggerin gerade auf die harte Tour erfahren. 
Familienblog Heimweh Kinder in den Ferien Eltern Probleme
© Getty Images

Ferien ohne Eltern? Vielleicht doch lieber noch nicht.

Was mich bei der ganzen Sache am meisten beschäftigt ist diese Frage: Kenne ich mein Kind tatsächlich so schlecht, dass ich es dermassen falsch einschätzen konnte? Hätte ich es nicht besser wissen müssen?

Bereits vor Monaten tat mir meine Tochter kund, sie möchte die Frühlingsferien nicht mit uns verbringen, sondern mit einer Schulfreundin und deren Familie zum Campen fahren. Nach intensiven Gesprächen, in denen sie mir versicherte, dass sie das wirklich, wirklich viel lieber will als unsere Familienferien in einem schönen Hotel am Strand, willigte ich ein. Auch wenn ich beim Gedanken an Ferien ohne meine grosse Kleine hätte heulen können. Andererseits war ich unheimlich stolz, dass sie sich das zutraut. Und dass es Leute gibt, die sie offenbar für ein tolles Mädchen halten - oder zumindest für so erträglich, dass sie sich vorstellen können, sie für eine ganze Woche bei sich zu haben. Ich wollte ihrem Ferienglück nicht im Weg stehen - geschweige denn, mich bis in alle Ewigkeit ihren Vorwürfen stellen.

Meine Tochter war noch nie eine besonders gute Schläferin. Ich musste sie schon diverse Male mitten in der Nacht abholen, wenn sie bei Freundinnen übernachten wollte. Aber die letzten paar Male, als sie auswärts schlief, war das nie mehr der Fall. Bis auf zwei Tage vor den Frühlingsferien. «Du weisst schon, dass ich dich nicht abholen kommen kann, wenn du am Campen bist und ich im Hotel?», fragte ich sie da. Das sei etwas gaaaaanz anderes, meinte sie. Und erzählte enthusiastisch, was sie alles vorhatte und worauf sie sich freute. Ich schob meine leisen Zweifel nur zu gern beiseite - schliesslich war alles organisiert, Hotel und Flüge gebucht.

Beim ersten Telefonat versuchte sie noch, sich zusammenzureissen. Auch die ersten SMS klangen noch halbwegs normal. Aber ziemlich bald läuteten bei mir erste Alarmglocken. Ich ignorierte sie. Schliesslich war ich knapp vier Flugstunden weg von zu Hause, und sie gute acht Fahrstunden - auf die andere Seite. Ich versuchte also, sie zu trösten, wenn sie am Telefon weinte, ein bisschen Heimweh sei normal. Aber irgendwann ging gar nichts mehr. Sie schluchzte so sehr, dass sie kaum mehr sprechen konnte. Und ich sass in meinem Hotelzimmer und heulte mit. «Du bist doch schon gross», versuchte ich ihr und mir einzureden. Aber in diesem Moment wollte - und konnte - sie nicht gross sein. Sie war ein kleines Mädchen - mein kleines Mädchen - das nur noch nach Hause wollte. Und ich hatte zugelassen, dass es so weit kam. Ich hatte ihr und mir selbst viel zu viel zugetraut.

Schliesslich holte ihr Onkel - dem ich zu ewigem Dank verpflichtet bin! - sie ab und brachte sie zu den Grosseltern. Diese fuhren mit ihr nach Hause, wo sie wenigstens ihre geliebten Kaninchen wieder in die Arme schliessen konnte, bis wir zurück waren. Momentan kämpfen wir mit den Nachwehen. Zwar kommt mit dem Alltag Stück für Stück ihre Fröhlichkeit wieder zurück, und ein grösseres Trauma hat sie wohl nicht davongetragen - immerhin hat sie bereits angekündigt, was sie im einwöchigen Schullager alles vorhat! (Oh je!!!) So viel zu den Tagen. Die Nächte erinnern mich allerdings an die Wochen nach ihrer Geburt. Sie hat Panik davor, nicht einschlafen zu können, verlangt, dass ich mit ihr wach bleibe, weckt mich alle paar Stunden. Irgendwie ist sie wohl aus ihrer sicheren Kleinkinderwelt in eine neue hineingeboren worden - eine, die sie selbst nicht recht definieren kann, und die ihr (noch) unheimlich ist.

Was bleibt, ist ein Mädchen, das ein ganz kleines Stück seiner Unbeschwertheit verloren hat. Und eine Mutter, die ein ganz kleines bisschen Vertrauen in ihr Urteilsvermögen verloren hat. Aber vielleicht gehört das dazu, zum Grösserwerden. Für uns beide.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.