Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

White Stripes vs. Katy Perry

Die Zeiten von Kasperli und Kinderliedern sind definitiv vorbei im Haus von Sandra C. Und die Familienbloggerin beobachtet gespannt - und zuweilen auch erstaunt -, wie sich der Musikgeschmack ihrer Kinder entwickelt.
Familienblog Sandra C. Musikgeschmack Kinder Stefanie Heinzmann
© Getty Images

Die Tochter von Sandra C. mag Stefanie Heinzmann und Katy Perry - und hört neuerdings mit Kopfhörern.

«Bist du sicher, dass du nicht ausgelacht wirst, wenn One Direction auf deinen Schuhen steht?», frage ich meine Tochter beim Schuhkauf. Sie rollt die Augen: «Oh. Mann. Du. häsch. echt. kei. Ah. nig.» Da hat sie zwar Recht - zumindest in diesem Punkt -, aber da ich bis anhin nie einen Ton besagter Boyband aus ihrem Zimmer hörte (zumindest nicht das eine Lied, das ich aus dem Radio kenne), dachte ich, ich frag mal nach. Zumal ich ihr die Schmach ersparen möchte, die ich damals erlitt, als ich im Pink-Floyd-Shirt in eine Klasse voller Modern-Talking-Fans kam (Ja klar war ich die einzig wirklich Coole, aber mit zehn bist du nur cool, wenn du Mainstream bist.) Auf meine Bemerkung, ich hätte gar nicht gewusst, dass sie One Direction mag, sagt sie: «Doch. Weil Angelina ist Fan, und verliebt in die.» - «Ah ja, und wenn Angelina von der Brücke springt, springst du dann auch?» Neiiiiiin! Irgendwie schlummern sie ganz tief in mir, die früher so verhassten Sätze meines Vaters, und in unkontrollierten Momenten rutschen sie raus. Böser Blick aus grünen Kinderaugen. Schlussendlich fällt ihre Wahl nicht auf die One-Direction-Schuhe, sondern auf die Skechers-Sneakers, die sie aus der Werbung kennt, und die alle coolen Mädels jetzt tragen. (Und Junior entscheidet sich für Fussballschuhe in Violett (!) - was er früher niemals getragen hätte - weil er sagt, Marco Reus habe genau die, er schwört).

Jedenfalls habe ich seit dem Schuhkauf nie wieder was von One Direction gehört aus dem Mund meiner Tochter. Es hätte mich, ehrlich gesagt, auch gewundert, denn Musik zu hören, nur weil sie von hübschen Jungs kommt, war bisher eigentlich gar nicht ihr Ding. Vor einiger Zeit nahm ich sie mit an ein Open-Air (ihr erstes), wo sie voller Stolz mit ihrer Lieblingssängerin Stefanie Heinzmann für ein Foto posierte. Als Bastian Baker vor ihr stand und sie fragte, ob sie ein Autogramm wolle, fragte sie mich, wer der denn sei. Ich: «Bastian Baker.» Sie zu ihm: «Nein, danke, ich kenn dich nicht.» Ich zu ihr: «Findest du ihn nicht hübsch?» Sie zu mir: «Nö!» Ich war fast ein bisschen stolz auf sie, zumal Bastian - den ich selbst im Übrigen ganz herzig finde - das noch nicht so oft gehört haben dürfte. Nun gut, sie steht zwar weder auf Boybands noch auf hübsche Jungs, ansonsten aber auf alles, was Zehnjährige im Moment so hören: Zuoberst auf der Liste steht - zusammen mit Stefanie - Katy Perry, dicht gefolgt von Ellie Goulding und all dem DJ-gemixten-Charts-Zeugs, das ich kaum voneinander unterscheiden kann.

Mein Sohn hingegen lässt sich bis jetzt weder von Klassenkameraden noch von Hitparaden beeinflussen was seinen Musikgeschmack angeht. Er hört irgendwo etwas - im Autoradio, zu Hause, bei Freunden - und es gefällt ihm oder eben nicht. Seine absoluten Lieblinge sind im Moment die White Stripes - was ich doch recht ungewöhnlich finde für einen Achtjährigen. Dazu kommen Nirvana, Muse, Franz Ferdinand. Und - Achtung! - AC/DC und Guns'N'Roses. Könnt ihr euch vorstellen, wie es morgens um sieben bei mir daheim klingt, wenn sich Katy Perry und G'N'R einen lautstarken, erbitterten Kampf aus den CD-Playern im Kinderzimmer liefern? Also hab ich ihnen auf ihren Geburtstag je einen iPod mit Kopfhörern geschenkt. Und was macht Juniors Gotti? Schenkt ihm einen passenden Lautsprecher!

Nun ja, seither werde ich zwar nicht mehr doppelt beschallt, dafür verfolgen mich die White Stripes in der Küche, im Bad, auf der Terrasse, sogar beim Essen. Und ich stelle mir die Frage: Was ist eigentlich schlimmer? Wenn du tagtäglich mit unterirdischem Sound belärmt wirst - oder wenn du die Musik, die du eigentlich magst, so oft und so laut zu hören kriegst, dass sie dir irgendwann auf die Nerven geht? Jedenfalls hätte ich nie gedacht, dass ich den Kasperli-Zeiten irgendwann nachtrauere. Zumindest ein kleines bisschen.

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