Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Frühlingserwachen im Kleiderschrank

Der Einzug des Frühlings bedeutet für Sandra C., die Schränke ihrer Kinder auszumisten. Und mit ihnen auf Shoppingtour zu gehen. (Also, mit den Kindern, nicht mit den Schränken. Die wären vermutlich wesentlich einfacher zufriedenzustellen.) Das ist für die Familienbloggerin jeweils ein Erlebnis irgendwo zwischen Belustigung und «Jetzt­mach­doch­bitte­mal­vorwärts­ichhab­keinen­Bock­mehr!».
Fruehlingsputz im Kleiderschrank mit Fashion Fraeulein Helena Knarse
© Getty Images

Nach dem Shopping ist vor dem Einräumen: Sandra C. hat ihre Methode, um die Tochter dazu zu bewegen, Ordnung zu halten.

Nach der fachgerechten Entsorgung der Winterklamotten aus ihrem Schrank (drei Haufen: in den Keller für nächsten Winter, kann noch weitergegeben werden, dreckig, löchrig und/oder verwaschen ­ ab in die Tonne), hole ich die Sommersachen aus dem Keller und zitiere meine Tochter zwecks Anprobe derselben. Nach gefühltem dreistündigen Nasenrümpfen und «das­zieh­icheh­nicht­mehr­an­egal­obs­mir­noch­geht» (und meinem darauffolgenden «aber­du­wolltest­es­unbedingt­haben­ich­hab­ein­Vermögen­dafürausgegeben») bleiben genau zwei T­Shirts und zwei Hosen übrig. Also zieh ich los mit meiner grossen Kleinen. Und habe dabei die eine oder andere Erkenntnis.

Meine Tochter hat jetzt offiziell die gleiche Schuhgrösse wie ich. Ich sage ihr also, dass beim Schuhkauf ab sofort andere Regeln gelten: Sie müssen nicht mehr hauptsächlich ihr gefallen, sondern mir. Sie ist schliesslich nächstes Jahr vermutlich bereits aus den Dingern rausgewachsen, aber ich kann sie noch eine Weile nachtragen. Die Sache mit den Socken ist übrigens noch praktischer: Die (Standardgrösse 34 bis 38) können wir uns nämlich gerade zu dritt teilen, meine Tochter, mein Sohn und ich. Das bedeutet, wenn einer von uns keine sauberen Socken mehr hat, bedient er sich einfach bei jemand anderem. Und ich muss nicht unbedingt die Waschmaschine anschmeissen. Schade, funktioniert das bei der Unterwäsche nicht. Aber wer weiss, vielleicht werden Mädchenslips bei den Jungs auch mal trendy. Schliesslich läuft mein Sohn seit kurzem in pinken Schuhen rum. ­ Etwas, wofür er sich noch letztes Jahr in Grund und Boden geschämt hätte. Aber kaum trägt Shaqiri so was, findens alle super. (Lieber Xherdan, könntest du nicht mal einen Mädchenslip unter deinen Fussballershorts rausblitzen lassen? Du würdest mir eine Menge Stromkosten für die Waschmaschine ersparen....)

Offenbar hat die Phase des sprichwörtlichen Körper­bewusstseins bei meiner Tochter begonnen. Sie hat zur Folge, dass sie ihren Körper zwar zeigen will, irgendwie, und irgendwie auch nicht. Ich habe das schon bei fast allen älteren Mädchen meiner Freundinnen miterlebt: Jede von ihnen hatte die Phase, in der sie unbedingt einen Bikini tragen wollte ­ aber darüber knielange Shorts. Auch im Wasser. Wir suchten also in extremst aufwändigen Prozeduren Bikinis und dazu passende weite Shorts ­ wobei «passend» immer Definitionssache ist. («Pink passt doch nicht zu Schmetterlingen!» Ah ja?) Zudem, ­ so lasse ich mir sagen, ­ ist es essenziell und absolut überlebenswichtig, dass man zum Bikini mit den passenden Shorts auch die passende Sonnenbrille sowie den passenden Haarschmuck trägt. Mein Einwand, sie trage nie Haarschmuck und diese Blumen­-Clips, die so wunderbar zum Schmetterling­-Bikini passen, verstauben in spätestens einer Woche in irgendeiner Schublade, ist selbstverständlich total hirnrissig und in keinster Weise qualifiziert. Als ob ich eine Ahnung hätte, wie eine bald Elfjährige heutzutage rumzulaufen hat.

Die Sache mit den BHs. Anna trägt schon einen, Laura manchmal, Lea nicht. Das ist jetzt ein taktischer Entscheid: Wer ist gerade wessen beste Freundin und wer will sein wie wer? Wir kaufen drei Sport­-BHs. Sie hat jeden genau einmal getragen, danach nie wieder. Sie findet sie einfach nicht bequem. Beruhigend, dass sie bei aller Taktiererei doch noch praktisch veranlagt ist.

Leider beschränkt sich ihr Sinn fürs Praktische auf die Unterwäsche. Strahlend hält sie mir ein Fake­-Fur­-Gilet unter die Nase: «Passt genau zu meinem roten T­Shirt.» Sie will Fell zu kurzen Ärmeln tragen? Friert sie jeweils an Rücken und Brust, während sie an den Armen heiss hat oder was? Auch bei der Anprobier­-Prozedur geht ihr irgendwie jede Vernunft ab. Sie entschwindet mit fünf Paar Leggings in der Umkleidekabine - ­ alle gleich geschnitten in verschiedenen Farben. Nach einer gefühlten Ewigkeit, wage ich, von draussen reinzurufen: «Du musst die nicht alle anprobieren. Wenn dir eine geht, gehen die anderen auch.» Worauf ihr sommersprossiges Gesicht hinter dem Vorhang auftaucht, der Ausdruck darauf irgendwo zwischen verärgert und mitleidig. «Ich muss dänk schauen, welche zu welchem T­-Shirt passt!»

Jetzt wäre so ein Moment, um mit dem Rauchen anzufangen. Einfach, um was anderes zu tun zu haben, als Ewigkeiten vor diesen Umkleidekabinen rumzusitzen. Schwer beladen kommen wir nach Hause, wo sofort die «Modeschau» startet. Trotz einiger Irritationen (auf den neuen Slippers steht gar nicht «Velo» sondern «Love», wenn man sie richtigrum anzieht ...) stopft sie danach alle Klamotten hochzufrieden in ihren Kasten. Ich bin so fertig, dass ich nicht mal mehr was sage. Bevor ich am nächsten Morgen zur Arbeit gehe, räume ich den verwurstelten Klamotten­-Ball aus dem Schrank, verstecke die Fernbedienung und lege ihr einen Zettel hin: «Bitte zusammenlegen und richtig einräumen. Danach kannst du mich anrufen und ich sag dir, wo die Fernbedienung ist.» Eins zu null für mich!

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