Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Mädchen-Liste

Vergangene Woche klaute Sandra C. die Buben-Liste der vierfachen Jungen-Mutter Rita Templeton und gab ihren eigenen Senf dazu. Als Ausgleich gibts diesmal eine Mädchen-Liste - von der Familienbloggerin selbst erstellt, nach reiflicher Überlegung und jahrelanger Erfahrung. Lest, was auf euch zukommt, wenn es bei der Geburt heisst: «Es ist ein Mädchen!»
Familienblog Sandra Mädchen-Liste
© Getty Images

Die pinke Phase kommt irgendwann, genau wie schlechte Laune oder Drama.

#1 - PAPI HAT IMMER DIE NASE VORN
Es ist einfach so: Die kleinen Prinzessinnen müssen ihren Vater nur mit grossen Kulleraugen ansehen, und die härtesten Kerle schmelzen wie Butter in der Sonne. Bei Müttern funktioniert das nicht. Weil wir den Kulleraugen-Trick aus eigener Erfahrung kennen. Und Jungs sind irgendwie nicht so ausgefuchst. Jedenfalls hat mein Sohn bis heute nicht kapiert, dass der flehende Hundeblick nichts nützt, wenn man Minuten zuvor noch getobt hat wie ein wildgewordener Schimpanse. Die jungen Damen aber wissen sehr genau, wie sie ihre Erzeuger um den Finger wickeln. Vor Jahren zog meine Mini-Prinzessin in den Ferien in Italien mal gemeinsam mit ihrem Papi los, um «ein kleines Mitbringsel» zu kaufen. Zurück kam sie mit einem riesigen rosa Barbie-Schloss inklusive Kutsche und Heissluftballon!  Und als ein Coach für die Handballmannschaft fürs Schülerturnier gesucht wurde, meldete sie ihn ohne zu überlegen an. Weil sie einfach wusste, dass sie ihn - im Gegensatz zu mir - rumkriegen würde. Kein Wunder also, wird der Papa von ihr in - fast - jeder Situation bevorzugt: Sie sitzt lieber neben ihm als neben mir, sie lässt sich lieber von ihm bei den Hausaufgaben helfen, sie lässt sich lieber von ihm trösten. Und das ist gut so.


#2  - IHRE KREATIVITÄT KENNT KEINE GRENZEN
Während mein Sohn im Haus regelmässig Schlamm- und Essensresten-Spuren hinterlässt, sorgt meine Tochter auf andere Art für Chaos: Wenn sie mal wieder einen ihrer kreativen Schübe hat, findet man nichts mehr. Klebstreifen, Leim, Scheren, Farbstifte, Leuchtstifte, Kugelschreiber - alles verschwunden! Und sie hat nie eine Ahnung, wo die Dinge sind. Ich kaufe die Sachen also fast jede Woche neu - bevor ich in einer Schublade oder einer Kartonschachtel oder wo auch immer ihr Lager entdecke. Alle paar Wochen gibt es auch eine grössere Reinigungsaktion: Leim vom Boden kratzen, Filzstiftspuren vom Schreibtisch putzen, Papierschnipsel aufsaugen. Was gar nichts ist gegenüber dem Chaos, das herrscht, nachdem sie die Kreativität in der Küche überfallen hat. Zwar ist es beeindruckend, wenn meine noch nicht mal Zehnjährige aus allem, was sie findet, ein hübsches Dessert zaubert. Dass man danach in der Küche auf einer Rahm-Spur ausrutscht und der ganze Herd mit einem Schoggi-Erdbeer-Gemansche überzogen ist, ist es weniger.


#3 - DIE PINKE PHASE IST UNVERMEIDLICH
Ich habe noch kein Mädchen erlebt, das nicht in irgend einer Phase seines Lebens diese eine, furchtbare Lieblingsfarbe hatte. Manche haben sie früher, manche später, mache länger, manche weniger lang. Bei meiner Tochter fing sie so ungefähr mit zwei Jahren an und dauerte gut zwei Jahre. Alles musste pink sein: Kleider, Schuhe, Taschen, Spielzeug. Am liebsten in Kombination mit ganz viel Tüll und Rüschen. Das Problem war, dass sie sich, ihren Prinzessinnen-Vorlieben zum Trotz, selten so benahm wie eine Prinzessin. Sie kletterte im neuen rosa Tüll-Röckchen auf Bäume, was das zarte Ding meist nicht überlebte (das Röckchen, nicht das Kind). Trost für alle pink-geplagten Eltern: Das geht so schnell vorbei, wie es gekommen ist.


#4 - MACH DICH AUF KREISCH-ALARM GEFASST
Das können nur Mädchen, Jungs kriegen diese Frequenz irgendwie gar nicht hin. Sie kreischen ohne ersichtlichen Grund, egal wo sie sind, und der Ton geht dir durch Mark und Bein. Ich bin danach jedes Mal erstaunt, dass mein Trommelfell das ausgehalten hat und ich überhaupt noch etwas höre. Und ja - ich würde meine Tochter jederzeit am Gekreische erkennen!


#5 - SIE SIND MEISTERINNEN IN DER EMOTIONALEN ERPRESSUNG
Ein Trick, der im Gegensatz zu dem mit den Kulleraugen bei Vätern selten funktioniert, bei Müttern hingegen umso mehr. Und auch wieder einer, für den Jungs viel zu simpel sind - und das meine ich überhaupt nicht negativ. Buben funktionieren so: Sie haben Schmerzen, sie heulen. Sie sind traurig, sie heulen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, sie heulen. What you see is what you get. Mädchen funktionieren so: Sie haben Schmerzen, je nach Grad beissen sie auf die Zähne, jammern oder weinen. Sie sind traurig, sie schweigen abwesend. Sie fühlen sich ungerecht behandelt - sie greifen zu emotionaler Erpressung. «Du hast ihn sowieso viel lieber als mich!» Oder als Variante: «Du liebst mich nicht, weil ich so viele Fehler im Diktat gemacht habe.» Oder, nachdem sie irgendwelchen Unsinn angestellt hat: «Jetzt hast du mich nicht mehr gern.» Tausendmal gehört - und trotzdem fall ich immer wieder drauf rein. Meine Tochter hat emotionale Erpressung mit einem Satz perfektioniert: «Dir ist ja sowieso egal, wenn ich tot bin!» Und jetzt zeigt mir mal eine Mutter, die dabei nicht aus der Fassung gerät.


#6 - STELL DICH JEDERZEIT AUF SCHLECHTE LAUNE EIN
Eins muss man den Jungs lassen: Meist sind sie fröhliche kleine Kerle. Wenn sie weinen, schreien, toben, haben sie fast immer einen Grund - auch wenn sie fast immer übertreiben und der Grund meist sehr, sehr subjektiv ist. Mädchen hingegen können schlechte Laune haben, ohne dass sie selbst wissen warum. Meine Tochter ist mit ihren gerade mal neuneinhalb Jahren bereits ein richtiger Morgenmuffel. Bis sie bereit für die Schule ist, sagt sie meist ziemlich genau zwei Worte: «Jaaaaaa!» (Auf meine Ermahnungen, vorwärts zu machen). Und wahlweise «Tubel», «Arsch» oder «Blödmann» (zu ihrem Bruder). Später am Tag kommt die schlechte Laune meist aus dem Nichts. Schnute ziehen, Augenrollen, Türe zuschlagen. Einfach so. Altbewährtes Rezept: Zehn Minuten in Ruhe lassen und dann nachfragen, was los ist. In 99 Prozent der Fälle ist die Antwort: «Nichts!»


#7 - HEUTE HUI, MORGEN PFUI
Noch eins muss man den Jungs lassen: Sie sind wirklich die treueren Seelen als die Mädels. Zwar heissen die momentan grössten Helden meines Juniors Neymar und Messi, und das wird nicht ewig so bleiben. Aber seine Liebe zu Spiderman, Hulk, Jackie Chan und jeder Art von Lego dauert schon lange und scheint unverwüstlich. Meine Tochter hatte in den letzten zwei Jahren folgende Favoriten: Barbie, Hello Kitty, Lego Friends, Monster High, Equestria Girls, My Little Pony, Hannah Montana, Die Zauberer vom Waverly Place, DJ Bobo, Gölä, Bligg, Justin Bieber, Ellie Goulding, Katy Perry. Vor Geburtstag und Weihnachten revidiert sie alle paar Tage ihre Wunschliste. Und wenn du Pech hast, öffnet sie dein Geschenk und kann ihre Enttäuschung nicht verbergen: «Das ist schon laaaaaange out!» Die Rössli-Phase - auch eine unvermeidliche Phase bei fast allen Mädels - haben wir übrigens noch nicht erreicht. Sie regt sich gerade drüber auf, dass die Mädchen ihrer Klasse immer über Pferde reden. Ich bin ja mal gespannt…


#8 - SIE SIND DIR RHETORISCH ZIEMLICH SCHNELL ÜBERLEGEN
Das erste Wort meines Sohnes war «Töff». Das erste Wort meiner Tochter war «Nein!» Das sagt ja schon viel. Buben sind oft über-logisch und gnadenlos ehrlich («Er sagte: Hau ab! Also hab ich ihn abgehauen!»), während Mädchen ziemlich schnell mal alles besser wissen und immer das letzte Wort haben. Das Phänomen hat mir mein Girlie übrigens schon vor Jahren mal erklärt. Ich: «Warum musst du eigentlich immer das letzte Wort haben?» Sie: «Woher soll ich denn wissen, dass du noch was sagen wolltest?»


#9 - DAS THEATER MIT DER BESTEN FREUNDIN
Das BFF-Syndrom («Best Friend Forever») gibts bei Jungs nicht. Mädchen hingegen kennen den Ausdruck schon in der ersten Klasse. Klar, ist auch mein Sohn schon weinend nach Hause gekommen: «X ist nicht mehr mein Freund.» Weil er ihn beim Fussball gefoult oder gesagt hat, sein Skateboard sei doof. Am Tag danach ists meist vergessen. Bei den Girls hingegen kann der Zirkus tagelang dauern: X ist nicht mehr ihre beste Freundin, weil Y gesagt hat, sie hätte schlecht über sie geredet, und ist jetzt deren beste Freundin, dabei war sie doch die beste Freundin von Z, und überhaupt. Und wie war das mit forever?


#10 - SIE WERDEN SCHNELLER SELBSTSTÄNDIG, ALS DIR LIEB IST
Meine Tochter macht ihr Ding. Je nachdem bekomme ich sie nachmittags in der Badi oder in den Ferien in unserem Lieblingshotel kaum zu Gesicht. Sie schlägt sich durch, irgendwie, in irgend einer Sprache, und taucht eigentlich nur auf, wenn sie Hunger hat oder sonst etwas will. Wenn sie könnte, würde sie vermutlich mit zwölf von zu Hause ausziehen. Nun ja, ich hab ja noch den Kleinen. Ich fürchte, der wohnt mit dreissig noch daheim. Und dann zieht er zu seiner Schwester.

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