Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Die Neujahrsvorsätze ihrer Kinder freuen Sandra C. – schliesslich zeugen sie von schulischem Ehrgeiz. Der Traum aller Eltern. Doch dann erreicht die Familienbloggerin eine Nachricht, die sie nachdenklich macht. Und wieder einmal die Frage aufwirft: Was ist wirklich wichtig?
Familien-Blog Krankenhaus
© Getty Images

Der Verlust des eigenen Kindes ist für unsere Familienbloggerin Sandra C. unvorstellbar.

Wie bereits geschrieben halte ich nicht wirklich viel von Neujahrsvorsätzen. Trotzdem – so eine «Wunschliste» gibt’s doch immer irgendwo, im Hinterkopf. Mehr Freizeit, gesünder essen, ein paar Kilo abnehmen. «Was nehmt ihr euch eigentlich vor fürs neue Jahr?», fragte ich meine Kinder. «Keine ungenügenden Noten», sagte mein Sohn. «Gut in der Schule sein», meinte meine Tochter. Wow – was kann man sich mehr wünschen als Mutter?

Die Frage beantwortet sich mir kurz nach Neujahr. Man könnte sich wünschen, dass das Schicksal einen nicht so hart getroffen hätte. Elf Jahre alt ist der Bub, als er kurz nach Neujahr seinen Kampf gegen den Krebs aufgibt. So alt wie mein Sohn. Und er hat den gleichen Vornamen. Ich habe ihn nie getroffen. «Kennengelernt» habe ich ihn aber vor gut fünf Jahren. Er war der Kindergartenfreund der Tochter einer Freundin. Die Diagnose traf ihn und seine Familie ungefähr zur gleichen Zeit, wie sie eine Bekannte von mir traf: Ihr Sohn, ebenfalls gleichaltrig wie meiner, ebenfalls mit dem gleichen Vornamen, erhielt damals die Diagnose Leukämie. Wir hatten uns während der Schwangerschaft kennengelernt, ihr Sohn ist nur ein paar Tage älter als meiner.

Drei Familien. Drei Buben mit dem gleichen Vornamen, im gleichen Jahr geboren. Drei Mütter, die diese Buben im Arm hielten, und ihnen nichts mehr wünschten als alles, was sie sich je erträumen würden. Sechs Jahre danach sahen sich zwei davon mit etwas vom Schlimmsten konfrontiert, was man als Eltern zu hören bekommen kann: «Ihr Sohn hat Krebs.»

Der dritte Bub starb Anfang Jahr

Und heute, elf Jahre später. Drei Buben, im gleichen Jahr geboren, mit dem gleichen Vornamen. Der erste war mal im Spital, weil er sich eine Antenne eines ferngesteuerten Autos in den Finger gebohrt hatte. Sonst ist er – und war immer – kerngesund und wünscht sich gute Noten in der Schule. Der zweite kämpfte gegen den Krebs, seine Familie ging durch Hochs und Tiefs, stiess mehr als einmal an ihre Grenzen. Heute geht es ihm gut. Der dritte hat gekämpft. Und verloren. Zum Anfang des neuen Jahres, als alle sich vornahmen, alles besser zu machen, musste seine Familie ihn gehen lassen.

Das Schicksal hat mir gerade zu Jahresbeginn wieder mal gezeigt, was wirklich wichtig ist

Drei Buben im gleichen Alter mit dem gleichen Vornamen. Der erste war immer gesund. Der zweite hat gegen den Krebs gekämpft und gewonnen. Der dritte hat gegen den Krebs gekämpft und verloren. Was ist das? Zufall? Schicksal? Dann ist das Schicksal ein mieser Verräter. Dem ich unendlich dankbar sein muss, dass der erste Bub mein Sohn ist, dass es nicht mich getroffen hat.

Die guten Noten sind sekundär

Auch wenn ich bei jedem Weihnachtsbesuch mit den guten Noten meiner Kinder geprahlt habe, und auch, wenn ich wirklich stolz auf sie bin: Das Schicksal hat mir gerade zu Jahresbeginn wieder mal gezeigt, was wirklich wichtig ist. Denn es gibt Eltern, die würden alles dafür geben, dass ihr Sohn lachen, rennen, schreien, singen, spielen, tanzen, Fussball spielen würde – egal wie seine Schulnoten sind. Hautpsache er wäre da.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, das eigene Kind gehen lassen zu müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man weiterleben kann. Meine Gedanken sind bei der Familie. Und ich bin einfach nur dankbar um jeden Tag mit meinen gesunden Kindern.

Im Dossier: Weitere Beiträge im Familienblog von Sandra C.