Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Freundschaft fürs Leben

Was ist wirklich wichtig?, fragte Familienbloggerin Sandra C. im letzten Blog. Gesundheit, klar. Doch was kommt danach? Was zählt wirklich im Leben eines Kindes? Ganz oben auf dieser Liste: Freundschaft. 
Familienblog_Freundschaft
© getty

Familienbloggerin Sandra C. erinnert sich gern an die gemeinsame Geburtstagsparty ihrer so unterschiedlicher Kinder.

Wenn ich einen Moment im vergangenen Jahr wählen müsste, der mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist, dann wäre es wohl dieser eine an der Geburtstagsparty meiner Kinder. Ihre Geburtstage liegen nur sechs Tage auseinander, weshalb es, als sie klein waren, jeweils eine Party für beide gab. Irgendwann wollte dann logischerweise jedes Kind eine Party für sich.

Vergangenes Jahr hingegen ergab es sich aus Zeitgründen, dass beide wieder zusammen feierten. Und ich erinnere mich mit Freuden an einen langen Tisch, am einen Ende eine Gruppe Teenager-Girls und –Boys, am anderen eine Horde elfjähriger Buben (im Gegensatz zu den meisten seiner Kumpels weigert sich mein Sohn immer noch, Mädchen einzuladen), zwei Geburtstagskuchen, Kerzen, Geschenke und «Happy Birthda» aus vollen Kehlen gesungen.

Wer kann schon von sich behaupten, einen Freund zu haben, den man seit dem allerersten Lebenstag kennt?

 

Ein Moment, der mir die Tränen in die Augen trieb. Denn wenn ich meinen Kindern am Tag ihrer Geburt etwas hätte wünschen können, dann wärs genau das gewesen: Eine Horde Freunde, die ihren Geburtstag mit ihnen feiern.

Meine Tochter und ihr Bro

Zu meinen beiden Kindern gibt es tatsächlich rührende Geschichten zum Thema Freundschaft zu erzählen. Als meine Tochter zur Welt kam, waren wir zusammen mit einer Frau aus dem gleichen Ort im Spitalzimmer, ihr Sohn ist drei Tage älter als meine Tochter. Wir kannten uns vorher nicht, verstanden uns aber gut, und liefen einander in den Monaten nach der Geburt immer wieder über den Weg. So freundeten wir uns an und mit uns unsere Kinder, die dann zufälligerweise auch an den gleichen Tagen in der gleichen Kita «landeten».

Es gab nie blöde Sprüche von anderen Kids, jeder wusste: Die beiden, die sind einfach echte Freunde. 

Als sie in verschiedene Kindergärten kamen, liess der Kontakt etwas nach. Als sie dann am ersten Schultag nebeneinander sassen – sie waren so eingeteilt worden – musste ich laut lachen. Ihr Lehrer merkte wohl ziemlich schnell warum. Vier Tage später wurden sie auseinandergesetzt. Später waren sie dann wieder in anderen Klassen, aber ihre Freundschaft immer unbestritten, auch in Zeiten, als Mädchen Jungs eigentlich doof fanden und umgekehrt.

Es gab auch nie blöde Sprüche von anderen Kids, jeder wusste: Die beiden, die sind einfach echte Freunde. Im Sommer sind sie in die Oberstufe gekommen und gehen wieder in die gleiche Klasse. Und obwohl meine Tochter mittlerweile am liebsten mit ihrer Girls-Clique abhängt, versteht sie sich mit ihrem «Bro» (so ist er in ihrem Handy gespeichert) nach wie vor blind. Ich hoffe wirklich, das bleibt so. Denn wer kann schon von sich behaupten, einen Freund zu haben, den man seit dem allerersten Lebenstag kennt?

Das Duo Infernale

Im Gegensatz zu meiner Tochter, die schon als Kleinkind ein «Social Butterfly» war und mit allen gut klarkam, war mein Sohn eher ein Einzelgänger. In der Kita spielte er am liebsten allein und auf dem Spielplatz prügelte er sich, statt mit anderen zu spielen. Das hatte durchaus auch Vorteile – das Einzelgängertum, nicht das Prügeln! –, er konnte sich nämlich auch zu Hause sehr gut allein beschäftigen, während seine Schwester immer zumindest ein «Publikum» brauchte.

Als er in den Kindergarten kam, machte ich mir allerdings doch langsam Sorgen. Bisher schien es ihn nicht gestört zu haben, dass er nicht wirklich Freunde hatte. Aber war er überhaupt in der Lage, Freundschaften zu schliessen? Und wenn nicht – würde das schlimm sein für ihn? Meine Sorgen erwiesen sich als unbegründet – beziehungsweise hätte ich mir andere machen müssen: Was, wenn er einen Freund findet, der genauso ist wie er? Genau das ist nämlich passiert.

Keiner beschuldigte je den anderen und beide waren jederzeit bereit, für den anderen den Kopf hinzuhalten. 

Das Duo Infernale wurde so sehr zum Kindergarten- und Nachbarnschreck, dass den beiden Fünfjährigen irgendwann sogar verboten wurde, den Kindergartenweg zusammen zu gehen! Klar fand ich es auch nicht besonders witzig, dass ich eine Zeitlang alle paar Wochen in den Kindergarten zitiert wurde, weil die beiden nur Seich im Kopf hatten. Und auch, als sich die ganze Nachbarschaft darüber aufregte, dass regelmässig ihre Post aus dem Briefkasten geklaut und in den Büschen versteckt wurde, brauchte ich wenig Fantasie, um zu wissen, wer da dahinter steckt.

Auf der anderen Seite war die Loyalität der beiden Jungs bemerkenswert: Keiner beschuldigte je den anderen und beide waren jederzeit bereit, für den anderen den Kopf hinzuhalten. So war ich zum einen erleichtert, dass sie zu Schulbeginn in verschiedene Schulhäuser eingeteilt wurden, zum anderen fragte ich mich, was aus dieser Freundschaft würde – und ob mein Sohn ohne diese «Rückendeckung» (das freche Duo genoss nämlich durchaus den Respekt der anderen Kids) in der Klasse bestehen konnte.

Trotz Wegzug: Die Bromance blieb bestehen

Tatsächlich hatte er einen harzigen Start in der Schule und brauchte lange, um seinen Platz zu finden. Die Freundschaft zu seinem Best Buddy allerdings blieb bestehen – und wandelte sich im Laufe der Zeit, beide Jungs wurden ruhiger. Als der beste Freund vor ein paar Jahren mit seiner Familie ins Ausland zog, brach das allen das Herz.

Aber siehe da: Ihre «Bromance» blieb bestehen, ist bei seinen Heimbesuchen sogar stärker denn je. Bald werden wir ihn erstmals in seiner neuen Heimat besuchen. Die Aufregung und die Freude ist auf beiden Seiten riesig.

Klar bin ich stolz darauf, dass meine Kinder so gute Schulnoten haben und dass sie musikalisch und sportlich nicht untalentiert sind. Aber die grösste Freude machen sie mir mit diesen Freundschaften, die sie über Jahre pflegen und die zeigen, wie leidenschaftlich, empathisch und vor allem loyal die beiden sind. Und darauf bin ich unheimlich stolz.

Im Dossier: Weitere Beiträge im Familienblog von Sandra C.