Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Happy Birthday zum Zweiten

Vor einem Jahr schrieb Sandra C. an dieser Stelle über die Geburt ihrer Tochter. Jetzt ist ihr Sohn an der Reihe, dessen Ankunft auf Erden ganz anders war als die seiner Schwester. Die Familienbloggerin ahnte bereits damals: Das wird wohl nicht ganz einfach. Und ja, die letzten acht Jahre hielten, was seine Geburt versprach.
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© Getty Images

Der Sohn von Sandra C. feiert Geburtstag - und die Mutter erinnert sich an seinen Start ins Leben.

Vergangenes Jahr traf es sich, dass der Geburtstag meiner Tochter auf einen Donnerstag fiel, meinen Blogtag - was mich dazu veranlasste, über ihre laute, anstrengende, schmerzhafte aber schlussendlich doch schöne Wassergeburt zu schreiben. Dieses Jahr feiert mein Sohn sein Wiegenfest an einem Donnerstag  - was nicht einer gewissen Logik entbehrt, schliesslich liegen ihre Geburtstage genau sechs Tage auseinander. Ein guter Grund also, sich an diesen Tag vor acht Jahren zu erinnern und ihn zu teilen, vor allem mit all denjenigen, die glauben, ein geplanter Kaiserschnitt sei ein Spaziergang.

Mein Sohn war schon im Mutterleib ganz anders als seine Schwester. Während sie sich ständig bewegte, hat er fast immer geschlafen. Ich fühlte höchstens mal, wie er sich genüsslich streckte. Kein Wunder also, dass er null Anstalten machte, sich zu drehen, um sich in die richtige Geburtsposition mit dem Kopf nach unten zu bringen. Ich versuchte alles Mögliche, was mir meine Hebamme so vorschlug, um das Baby dazu zu bewegen, sich umzudrehen. Das Highlight: Eine Art Brücke auf Händen und Füssen - notabene mit einem riesigen Bauch und gut 20 kg mehr auf den Rippen -, die dafür sorgen sollte, dass Junior das Ganze dermassen unbequem findet, dass er sich eine andere Position sucht. Was er denn auch versuchte, im allerletzten Moment. Nur war er schon viel zu gross und blieb auf halbem Weg stecken.

Die letzten Wochen meiner Schwangerschaft lag er quer in meinem Bauch, das eine Bein angewinkelt wie ein Klappmesser, den Fuss neben dem Ohr. Das andere Bein ausgestreckt, den Fuss an meinem Hüftknochen. Und sein Kopf drückte ständig gegen meinen Magen, was, im wahrsten Sinn des Wortes, zum Kotzen war. Da war meine Tochter doch fast angenehmer gewesen, die mit ihren Füssen jeweils in meinen Rippen rumstocherte. Nun, wenigstens nahm er mir die Entscheidung ab, ob ich versuchen sollte, ihn aus Steisslage natürlich zu gebären oder nicht. Es stand fest: Geplanter Kaiserschnitt, Geburtsdatum: 28.8., zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Was? Unmöglich. Ich wollte nicht den zweiten Geburtstag meiner Tochter im Spital mit ihrem neugeborenen Bruder verbringen. (Auch wenn der ihr eine Briobahn mitbrachte, und sie noch Jahre danach fragte, wie diese in meinen Bauch und da wieder herausgekommen sei. Zum Glück sahen wir vom ursprünglichen Plan - einem Velo - wieder ab.) Nun ja, wenn ich darauf bestehen würde, meinte meine Frauenärztin, verschieben wir eine Woche, vorher sei kein Termin mehr frei. «Und wenn Sie vorher Wehen bekommen, fahren Sie sofort ins Spital.» - «Das Kind hat sich nicht mal rechtzeitig gedreht, glauben Sie wirklich, das will früher auf die Welt kommen?»

Wollte er nicht. Ich rückte also pünktlich frühmorgens um sieben im Spital an, nüchtern, wie befohlen («Wie bitte? Ach, ich darf nichts essen…»), und wartete erst mal eine Stunde. Noch eine. Und noch eine. Dann gings ganz schnell: Genau als der werdende Vater draussen zum Rauchen war, wurde ich abgeholt. Piks in den Rücken, verkabeln, in den Gebärsaal, der Kindsvater tauchte dann doch noch auf. Und ich muss gestehen: Verglichen mit dem blutverschmierten Gemetzel bei der Geburt meiner Tochter war diese Niederkunft an und für sich tatsächlich ein Spaziergang. Es fühlte sich zwar komisch an, als die Ärztin mit beiden Händen in meinem Bauch rumwühlte, und dann das eine Bein des Babys hochklappte, um es an der Hüfte zu packen und rauszuziehen. Mehr aber nicht. Mein Sohn war ein hübsches blondes Kerlchen mit Pausbacken und schrie sich sofort die Lunge aus dem Leib. Seiner Querlage sei Dank hatte er mir eine längere und hässlichere Kaiserschnittnarbe als üblich verpasst. Und die bescherte mir in den ersten Tagen nach der Geburt nur eines: Schmerzen, wie ich sie noch nie im Leben hatte. Auch nicht während der ersten Geburt.

Ich warf Medikamente ein, so gut ich konnte - schliesslich stillte ich ein Neugeborenes -, die alle nichts nützten. Ich schlief kaum (was mich umso mehr stresste, als dass mein Sohn vom ersten Tag an ein hervorragender Schläfer war), schrie vor Schmerzen bis ich erbrach, konnte mich kaum bewegen, musste zusehen, wie andere meinen Sohn herumtrugen und wickelten (und ihm dabei immer wieder das Bein runterklappten, das er automatisch neben seinem Ohr platzierte). Nach drei Tagen war ich ein heulendes Wrack, hatte das Gefühl, nie wieder laufen zu können. Ich versuchte es trotzdem, fiel hin, kroch zum WC. Nun, was soll ich sagen - wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, sich Hilfe holen zu müssen, wenn man zur Toilette will, lehrt einen das eine gewisse Demut. Und allen Frauen, die sich aus Angst vor Geburtsschmerzen einen Kaiserschnitt überlegen, sei gesagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Noch Monate nach der Geburt tat mir die Narbe manchmal so weh, dass es mir die Luft verschlug und die Tränen in die Augen trieb. Gott sei Dank gab mir mein Sohn eine gewisse Schonfrist, bevor er sein querstellendes - oder querliegendes - Ich wieder hervorkramte. Er war tatsächlich ein unglaublich ruhiges, heiteres Baby, das sehr viel schlief. Das änderte sich schlagartig, als er mobil wurde und Zähne bekam. Aber dazu ein andermal mehr. Heute nur noch so viel: Happy Birthday, du Querulant. Und: Die Kaiserschnittnarbe trage ich heute mit Stolz. Denn ohne sie gäbe es dich nicht. Und das wäre schade.

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