Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Schlecht erzogen?

Sandra C. ärgerte sich kürzlich über die Kolumne eines Kollegen. Nach ausführlichem Beobachten und Beschreiben des Verhaltens fremder Kinder, kam er zum Schluss, diese seien schlicht schlecht erzogen. Wie kann man sich anmassen, so über Kinder - und Eltern - zu urteilen, die man nicht kennt, fragt sich die Familienbloggerin. Und was heisst das überhaupt, schlecht erzogen? 
Familienblog: Sandra C. über schlecht erzogene Kinder
© Getty Images

Auch Bloggerin Sandra C. muss sich ab und zu anhören, ihre Kinder seien schlecht erzogen.

Ich gebe zu, auch mir wird - gerade in diesem Blog - öfter vorgeworfen, meine Kinder seien schlecht erzogen. Dazu muss ich Folgendes sagen: Alles, was ich hier schreibe, ist wahr, aber natürlich so pointiert und kompakt erzählt, dass es einigermassen unterhaltsam ist. Insofern kennen diejenigen, die finden, meine Kinder seien schlecht erzogen, nur einen kleinen Teil von ihnen. Genau wie die, die auf einem Spielplatz oder in einem Restaurant die Köpfe schütteln über ungezogene Kids, die sie gerade mal fünf Minuten zu Gesicht bekommen haben. Aber vielleicht haben sie ja trotzdem Recht.

Laut einer Umfrage finden gut 60 Prozent der Deutschen, Kinder seien heute schlechter erzogen als vor 20 Jahren. In der Schweiz würde eine solche Studie wohl ungefähr gleich aussehen. Aber wann sind Kinder schlecht erzogen? Gibt es das überhaupt? Ja, mir ist durchaus bewusst, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder besser im Griff haben als ich meine. Ich habe zwar auch schon in zwei oder drei der hunderten von Erziehungsratgebern geschmökert, die sich so auf dem Markt tummeln. Aber eigentlich finde ich, dass es reicht, wenn ich meinen Kindern, ihren Fehlern und Launen, mit einem gewissen Mass an gesundem Menschenverstand begegne. Dabei kommts immer auf das Was und Wo an: Was machen sie? Wo sind wir? Prügelt sich mein Sohn über den Spielplatz, muss ich eingreifen. Gehen meine Tochter und mein Sohn dort aufeinander los, kann ich sie auch mal eine Weile machen lassen, solange es nicht zu arg wird. Lautstarker Streit auf dem Spielplatz - Schulterzucken, im Auge behalten. Lautstarker Streit im Restaurant - mit beiden ab nach draussen, sofort. Heisst die Tatsache, dass mein Sohn andere Kinder schlug, oder die, dass sich meine Kinder öfter mal streiten, dass sie schlecht erzogen sind?

«Kinder zu erziehen war wohl nie so schwierig wie heute», sagt die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Jutta Ecarius in einem Interview mit der «Welt». Das Erziehungsmuster habe sich in den letzten Jahrzehnten vom «Befehls- zum Verhandlungshaushalt» gewandelt. Ist das gut oder schlecht? Ich hab schon Mütter erlebt, die ihre täubelnden Zweijährigen 15 Minuten lang fragten, ob es ihnen genehm wäre, wenn sie Orangensaft bekämen, oder ob sie lieber Tee wollen oder ob sie sonst noch einen Wunsch hätten. Das ist dann doch etwas zu viel des Guten. Sogar ich, die ich einen eher mediterranen Erziehungsstil pflege, wie ich es gern nenne (andere nennen es lasch), finde, es gibt gewisse Regeln, die einfach gelten müssen. Sonst tut man weder sich selbst noch den Kindern einen Gefallen. Auf der anderen Seite entspricht der verhandelnde Erziehungsstil «den Strukturen einer globalisierten Welt der individualisierten Lebensführung», sagt Ecarius. In der Schule wird heute schon von Sechsjährigen eine Selbstständigkeit erwartet, die ich mit zwölf noch nicht hatte. Das wiederum verlangt von den Eltern, dass auch sie ihre Kinder zu Selbstständigkeit erziehen. Geht das überhaupt? Ist «zur Selbstständigkeit erziehen» nicht schon ein Widerspruch in sich? Wenn ungezogen bedeutet, dass ein Kind nicht gehorcht, ist ein gut erzogenes Kind eines, das folgt - und wer immer folgt, ist - wie es schon das Wort suggeriert - nicht selbstständig.

«Eltern haben kein Recht darauf, dass Kinder ihnen einfach gehorchen», sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul in einem Interview mit dem Migros Magazin. Und er geht sogar noch weiter: «Kinder brauchen keine Erziehung, sondern Erklärung, also eine kompetente Begleitung und Führung.» Ich würde ihm das gern glauben - aber was, wenn ich nicht kompetent genug bin, um meine Kinder nicht zu erziehen? Klar ist: Es gibt nichts Schwierigeres, als Kinder zu erziehen. Und ich kenne niemanden, der das nicht so tut, wie er oder sie es für das Beste hält. Das Beste von mir unbekannten Eltern als «schlecht erzogen» zu verurteilen, käme mir niemals in den Sinn. Und wie sagte der Autor Kurt Haberstich so schön? «Es gibt Kinder, die werden ganz gut schlecht erzogen.»

Weitere «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs gibts im Dossier.