Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Das ärmste Kind der Welt

Die vorpubertäre Phase der Tochter von Sandra C. geht in die nächste Runde: Der Kampf um den Kleiderschrank der Familienbloggerin hat begonnen. Wenigstens etwas, das die fast Zehnjährige an ihrer Mutter zu schätzen weiss. Die geht ihr nämlich ansonsten vor allem auf die Nerven.
Familienblog Sandra Teenager Tochter
© Getty Images

Könnte die Tochter von Sandra C. ihren Alltag selbst bestimmen, gehörte der Griff in Mutters Kleiderschrank dazu.

Schmollen ist derzeit die liebste Beschäftigung meiner Tochter. Einen Grund findet sie immer und Schuld bin fast immer ich. Wenn sie irgend etwas nicht darf, wenn ich ihre Gedanken nicht lesen kann oder schlicht und einfach durch meine Anwesenheit. Ich glaube, ihr Traumtag würde momentan ungefähr so aussehen: Ich bringe ihr das Frühstück ans Bett, dann schaut sie sich zwei Stunden lang Cartoons oder eine dieser Teenie­-Serien an, während wahlweise ich oder ihr Bruder ihr Zimmer aufräumen. Wenn sie dann aufstehen mag, wühlt sie sich durch meine Kleider und meinen Schmuck und sucht sich aus, was ihr passt. Dann holt sie sich bei mir ihr Tages­-Budget ab - ­ was selbstverständlich nicht zu knapp ist - ­ und lässt sich zu Toys'R'Us chauffieren, McDonald's, einer Tierhandlung (wo sie einen Hund kauft, mit dem ich fortan spazieren gehe), in die Badi oder zu Verabredungen mit ihren Freundinnen. Und wenns irgendwie geht, übernachtet sie dann auch bei einer von ihnen.

Die Realität sieht zu ihrem Leidwesen leicht anders aus. Ja, sie darf fernsehen, aber nicht stundenlang und ganz bestimmt nicht, wenn sie dazu Cornflakes oder Brötchen mampft und alles rund um sie herum vollbröselt. Ihr Zimmer teilt sie mit ihrem Bruder, und jeder räumt seine Seite selbst auf. Wobei das Nicht­-Aufräumen mir wenigstens hin und wieder als Entschuldigung dient: «Ich will ein eigenes Zimmer!» ­ «Du schaffst es ja nicht mal, ein halbes aufzuräumen, wie willst du das mit einem ganzen hinkriegen?» Oder: «Ich will einen Computer!» ­ «Und wo soll der stehen? Zuoberst auf dem Bücher-­, Papier­- und Spielzeugberg auf deinem Schreibtisch?» Ja, sie darf auch mal ein T­-Shirt von mir anziehen oder ein Armband ­ wenn sie fragt und das Teil meiner Meinung nach halbwegs geeignet ist für ein Kind in ihrem Alter (das gilt weder für Schuhe mit hohen Absätzen ­ - sie hat schon fast gleich grosse Füsse wie ich - ­ noch für meine Rolex!). Dazu kommt, dass sie überhaupt nicht nachvollziehen kann, dass ich es nicht besonders lustig finde, wenn sie Ketchupflecken auf mein Shirt macht oder einen meiner Ohrringe im Lavabo­-Abfluss versenkt. Sie bekommt ein angemessenes Taschengeld, wir gehen ab und an zu McDonald's, sie darf mit ihren Freundinnen abmachen und auch hin und wieder bei jemandem übernachten. Ich finde mich ziemlich nett und grosszügig, ehrlich gesagt. Sie findet mich blöd und sich selbst das ärmste Kind der Welt, weil sie nie etwas darf und nie etwas bekommt.

Einzig was den Hund angeht schmollt sie zu Recht: Ich will einfach keinen, habe weder Zeit noch Lust, mir das auch noch aufzuladen. «Warum willst du überhaupt einen Hund?», frage ich sie. «Damit ich jemanden zum Kuscheln habe und zum Gernhaben.» ­ «Du kannst ja zur Abwechslung mit mir kuscheln und mich gernhaben.» Sie starrt mich entgeistert an. «Eh, wie peinlich! Du bist meine MUTTER!» ­ «Ja, eben!» Sie seufzt ergeben und stapft davon ­ in Richtung meines Kleiderschranks.

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