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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Ausflug in die Vergangenheit

Sandra C. ist Sydney, Australien angekommen. Der Ort – oder vielmehr ihr Aufenthalt dort – hat ihre Jugend geprägt. Sie ist als scheuer, etwas verstörter Teenager gegangen, und als selbstbewusste, junge Frau zurückgekommen. Die Familienbloggerin hätte diesen Ort gern ihren Kindern gezeigt, hat sich aber dagegen entschieden. Denn die beiden müssen irgendwann ihre eigenen Orte voller Emotionen und Erinnerungen haben.

Als ich aus dem Flugzeug steige und zum ersten Mal nach einer Ewigkeit wieder australischen Boden unter meinen Flip Flops spüre, laufen mir die Tränen runter. Mehr als 15 Jahre ist es her, seit ich zum letzten Mal hier war. Und 25 Jahre seit meinem Austauschjahr. Ich war 17, als ich ein Jahr lang hier bei einer Familie wohnte, zur Schule ging, meinen ganz normalen Alltag ans andere Ende der Welt verlegte.

Weg von zu Hause

Die Umstände, die mich hierhin trieben, waren wenig erfreulich. Meine Eltern liessen sich scheiden, und zu sagen, ihre Trennung war alles andere als friedlich, ist eine Untertreibung. Meine Schulnoten sanken in den Keller und mein Selbstbewusstsein ebenfalls. Ich wollte nur noch weg, so weit wie möglich. Und Australien war das weiteste, das mir einfiel. Und das beste, was mir passieren konnte.

Auch wenn – oder gerade weil – es nicht immer einfach war. Bereits am Flughafen merkte ich, dass mein Englisch lange nicht ausreichte, um richtige Konversationen zu führen (ganz zu schweigen vom breiten Akzent der Australier). Und dann das Leben mit einer anderen Familie. Andere Regeln, andere Wertvorstellungen. Als Teenager ist es ziemlich schwer nachvollziehbar, wenn zwar nicht alles, aber doch vieles plötzlich ganz anders ist. So war meine Gastfamilie zum Beispiel sehr religiös – etwas, was ich von meinem Elternhaus her gar nicht kannte -, zwei Kirchenbesuche pro Woche waren Pflicht. Sie überliessen es aber mir, ob ich mitgehen wollte oder nicht. Ich wollte, weil ich Teil dieser Familie sein wollte. Und ich würde mal behaupten, es hat mir nicht geschadet. Übrigens kann ich das Vaterunser noch heute besser auf Englisch als auf Deutsch.

Ignorant, hochnäsig und fast schon legendär

Darüber, was es hiess, bei null anzufangen, in einem fremden Land, in einer fremden Sprache, hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Und ich hatte unterschätzt, wie anders es hier ist. Es war ja nicht so, dass ich in eine vollkommen andere Kultur gereist wäre. Und trotzdem war kaum etwas so, wie ich es kannte. So war ich als Europäerin für meine Mitschüler zwar spannend, aber ich konnte weder surfen, noch hatte ich eine Ahnung von Cricket oder Football, was mich schon mal per se eher uncool machte. Als der coolste Typ der Schule – blonder Surfertyp, aber leider Gottes strohdumm und nicht fähig, über was anderes zu reden als übers Surfen – mich um ein Date für den Valentinstag bat, und ich ihm einen Korb gab, machte mich das zu irgend etwas zwischen ignorant, hochnäsig und fast schon legendär.

Ein besseres Ich

Es gab feste Cliquen, wie ich es von meiner Schweizer Schule nicht gewöhnt war, und ich passte in keine richtig rein. Trotzdem gelang es mir, einen Freundeskreis aufzubauen – einen, zu dem ich heute noch Kontakt habe. Genau wie zu meiner Gastfamilie. Zu wissen, dass ich dazu imstande war – Freundschaften und Beziehungen aufbauen, mich anderen Gepflogenheiten anzupassen, aber dabei immer noch ich selbst zu bleiben, hat mir so viel Selbstbewusstsein gegeben wie nie etwas zuvor und kaum etwas nachher. Als ich aus Australien zurückkehrte, war ich immer noch ich – aber ein besseres ich als zuvor. Offener, lebendiger, selbstbewusster.

Ohne meine Kinder

Hierher zurückzukommen, an den Ort meiner Jugend, meine Familie und Freunde zu treffen, ist etwas vom Emotionalsten, was ich in letzter Zeit erlebt habe. Ich habe mir überlegt, meine Kinder mitzunehmen, ihnen diesen für mich so wichtigen Ort zu zeigen. Ich habe mich dagegen entschieden. Mein früheres Leben interessiert sie nur oberflächlich – und das ist gut so. Sie sollen ihre eigenen Erfahrungen machen, und ihre eigenen Orte haben, die Emotionen in ihnen wecken. Und ich wünsche ihnen sehr, dass das irgendwann der Fall ist.