Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Sache mit der Angst

Kinder bedeuten Freude und bedingungslose Liebe. Aber Eltern kennen noch einen ständigen Begleiter des Kinder-Habens: Angst. Die meisten lernen im Laufe der Jahre, damit umzugehen. Wie aber begegnet man den Ängsten der Kinder, fragt sich Familienbloggerin Sandra C.
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© Getty Images

Wie nimmt man seinem Kind die Angst?

Das Verrückte ist, dass man sich bereits fürchtet, bevor ein Baby unterwegs ist. Die Angst beginnt mit dem Kinderwunsch. Angst, dass es nicht klappt mit der Schwangerschaft. Angst, dass es zum unpassendsten Zeitpunkt klappt. Angst, dass man den falschen Entscheid getroffen hat. Wenn man sie dann sieht, diese zwei rosa Streifen auf dem Schwangerschaftstest, wird die Angst noch grösser. Vor der Schwangerschaft, vor der Geburt. Davor, dass dem Baby noch im Mutterleib etwas passiert, dass man es verlieren könnte, dass es nicht gesund ist. Angst, etwas falsch zu machen, dem allem nicht gewachsen zu sein.

Zur Beruhigung liest man zig Ratgeber ­- und ist noch verwirrter als vorher. Was darf ich noch essen, um dem Ungeborenen nicht zu schaden? Darf ich Sport machen, Autofahren, Reisen ­und wenn ja, wohin? Und dann die Geburt. Ich kenne keine Frau, die sich nicht davor fürchtet. Nicht nur vor den Schmerzen. Davor, dass etwas passieren könnte. Und wenn das Baby erst mal da ist, gehts erst richtig los. Während die meisten Babys eine recht gesunde rosige Hautfarbe haben, nachdem sie sich mühsam durch den Geburtskanal gekämpft haben, war meine Tochter fast durchsichtig - Sorge! (Es stellte sich heraus, dass sie halt einfach ein sehr heller Typ ist. Was in der Folge öfter noch mehr Sorgen verursachte, da sie zu Ausschlägen neigte, denen öfter nur mit Kortison beizukommen war.) Mein Sohn hingegen hatte Gelbsucht, die auch nach Tagen nicht verschwand (ich erwähnte doch schon mal, dass man die beiden mixen können sollte? Das galt offensichtlich schon von Anfang an...)

Ich selbst würde mich eigentlich als recht entspannte Person bezeichnen. Ich renne nicht wegen jedem Wehwehchen zum Arzt, und als ich mich bei der Geburt meines ersten Kindes nach stundenlangen Wehen endlich entschloss, ins Spital zu fahren, war das Baby schon fast draussen. Über «Helikopter­-Eltern», die ihre Kinder bereits im Oktober in einen Skianzug stecken und im Sandkasten mit antibakteriellen Feuchttüchern neben ihnen sitzen, kann ich nur den Kopf schütteln. Abgesehen davon, dass ich aus eigener Erfahrung weiss, dass sie auch vom Klettergerüst fallen können, wenn man direkt daneben steht, habe ich im Laufe der Zeit einfach gelernt, mit der Angst umzugehen.

Mit den Ängsten der Kinder umzugehen, ist hingegen ein ganz anderes Paar Schuhe. Wie reagiert man, wenn sich das Kind vor etwas fürchtet? Ernst nehmen, klar. Aber nicht so ernst, dass es noch mehr Angst kriegt. Vor ein paar Wochen kam ein Schreiben von der Schulbehörde. Ein Typ in einem dunklen Auto hat offenbar mehrmals versucht, Kinder auf dem Schulweg anzusprechen. Klar hatte ich schon über solche Dinge mit meinen Kindern gesprochen. Aber bisher war so etwas sehr abstrakt für sie, und mein Sohn war sich sehr sicher, dass er so einen mit einem gezielten Taekwando­-Schlag zur Strecke bringen würde. Aber jetzt, wo die Gefahr plötzlich bedenklich nahe rückte, reagierte er mit ­- in meinen Augen unverhältnismässiger ­- Angst. Er kam mehr als einmal nassgeschwitzt und tränenüberströmt von der Schule nach Hause. Er war in Panik den gesamten Weg gerannt, weil er ein dunkles Auto am Strassenrand gesehen hatte. Was macht man, wenn sich das Kind so sehr in eine Angst vor etwas hineinsteigert, dass es sich kaum mehr aus dem Haus traut? 

Wie geht das eigentlich konkret, mit Ängsten umgehen zu lernen? Wie kriege ich das hin, dass die ständige unbewusste Angst nicht dauernd in mein Bewusstsein dringt und mich total lähmt? Ich weiss es nicht genau. Bestimmt ist ein guter Teil Pragatismus dabei ­- es lohnt sich einfach nicht, sich um Dinge zu sorgen, die eventuell mal passieren könnten. Aber auch Vertrauen. Vertrauen in die Fähigkeiten meiner Kinder, in meine eigenen Fähigkeiten und Vertrauen darauf, dass es das Schicksal nicht immer nur schlecht mit einem meint.

Das Wichtigste, das man seinen Kindern mitgeben kann, ist Selbstvertrauen. Mit meiner Tochter habe ich eine Zeit lang wie ein Mental­-Coach geübt, um den Teufelskreis aus Prüfungsangst und schlechten Noten zu durchbrechen. Aber es hat funktioniert. (Gut, es gab auch Fälle, in denen die Überwindung der Angst mit etwas ganz anderem zu tun hatte. In einen dunklen Raum traute sie sich zum Beispiel erstmals, weil sie wusste, dass da eine grosse Tüte Popcorn drin war...)

Ich fragte meinen Sohn, wovor er denn konkret solche Angst habe. «Vor dem Mann, der Kinder klaut!» ­«Du würdest dich doch nicht einfach so klauen lassen, oder?» Nein, würde er nicht. Ausserdem weiss er ja, was zu tun ist, falls ihn tatsächlich jemand anspricht: Ignorieren, weggehen. Ihm in dem Moment zu sagen, seine Ängste seien irrational, die Chance, tatsächlich angesprochen zu werden minim, hätte in dem Fall wohl nichts genützt. Denn für ihn war die Angst sehr real und der Unbekannte im dunklen Auto eine echte Gefahr. Ihn aber daran zu erinnern, dass er doch weiss, wie er sich im Fall der Fälle verhalten muss, hat wenigstens ein bisschen genützt. Er schaut immer noch skeptisch, wenn irgendwo ein dunkles Auto anhält. Aber die Panik hat sich zum Glück gelegt.

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