Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Offener Brief an Schweizer Arbeitgeber

Immer öfter werden Mütter direkt nach dem Mutterschaftsurlaub entlassen, berichtete «Le Matin Dimanche» vergangene Woche. Dabei handelt es sich oft um Frauen, die zum gleichen Pensum wie vorher weiterarbeiten wollen. Was für ein armseliges Zeugnis für die Arbeitgeber hierzulande, findet Familienbloggerin Sandra C. Und richtet sich mit einem offenen Brief an alle Chefs, die offenbar vor lauter Vorurteilen nicht mehr klar denken können.
Familienblog Schweiz Sandra C. offener Brief an Schweizer Arbeitgeber
© iStock

Mütter sind eine Bereicherung für ihre Arbeitgeber, findet Sandra C.

Liebe Arbeitgeber,...

…die ihr «frischgebackene» Mütter direkt nach dem Mutterschaftsurlaub entlasst. Ich habe dieses Wording aus der Berichterstattung in den Medien übernommen, obwohl ich es recht dämlich finde. Ich meine das Wort «frischgebacken». Es klingt wie «nicht ganz gebacken». Aber genau dafür haltet ihr uns Mütter ja offensichtlich. Für nicht mehr voll einsatzfähig für die Firma. Weil es da offenbar etwas gibt in unserem Leben, das wir als wichtiger einstufen als unseren Job.

Da sei doch mal die Frage erlaubt: Was erwartet ihr eigentlich von euren Angestellten? Dass sich ihr Leben vollumfänglich um die Firma dreht, und um euch, ihren Sonnenkönig? (Man verzeihe mir die ausschliesslich männliche Form, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Frau dermassen verquer denkt. Auch wenn ich vermutlich falsch liege). Dann müsste man konsequenterweise auch jeden Vater sofort entlassen. Schliesslich kann man überall nachlesen, dass für Männer heutzutage die Familie mindestens so wichtig ist wie der Job. Und auch alle, die intensiv ein gewisses Hobby betreiben, kann man getrost zum Teufel jagen. Wenn wir schon beim Term «jagen» sind: Für passionierte Jäger zum Beispiel spielt während der Jagdsaison der Job nämlich definitiv zweite Geige. Aber das stört niemanden.

Ich habs bei einer Freundin von mir miterlebt: Sie hat Bewerbung um Bewerbung geschrieben, und nur Absagen kassiert. Irgendwann hat sie im Bewerbungsschreiben verschwiegen, dass sie Mutter ist. Und wurde prompt zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Was, verdammt noch mal, ist nur los mit euch? Was ist in eurem Leben schiefgelaufen, dass ihr es nötig habt, anderen - uns Müttern - dermassen einen vor den Bug zu knallen? Ich vermute mal, die meisten von euch sind geschieden und sehen ihre Kinder ab und zu mal am Wochenende, wenn es der Job zulässt. Und irgendwann wollen euch die Kinder eh nicht mehr sehen, dann könnt ihr jedes Wochenende im Büro verbringen. Sorry, ich bin etwas vom Thema abgekommen, ist wohl eher kontraproduktiv. Aber zu realisieren, dass die Vorurteile gegen arbeitende Mütter noch immer so gross sind, macht mich extremst wütend!

Denn lasst euch eines gesagt sein: Sie sind alle nicht wahr! (Ja, Ausnahmen gibt es immer, aber ihr könnt ja nicht gleich am ersten Arbeitstag nach dem Mutterschaftsurlaub wissen, dass eure Angestellte eine solche ist.) Mütter leisten nicht weniger als andere. Im Gegenteil - wir sind darauf bedacht, eher noch mehr zu leisten, weil wir wissen, dass wir unter ständiger Beobachtung stehen, und dass jeder «Fehltritt», jede Unaufmerksamkeit, sofort mit unserer Mutterrolle in Verbindung gebracht wird. Wir sind nicht ständig abwesend, weil unsere Kinder krank sind oder sonst etwas mit ihnen ist. Denn erstens sind wir heilfroh, wenn unsere Kinder nicht krank sind und auch sonst alles so läuft, wie geplant, und zweitens haben wir für jede Situation mindestens einen Plan C, D und E parat. Weil wir nämlich wissen: Fehlen wir genau einmal wegen Krankheit des Kindes, wird es gegen uns verwendet (während der Kollege mit der chronischen Nebenhöhlenentzündung, der Arme, so viel Zeit beim Arzt verbringt, dass er einem wirklich Leid tun kann.)

Wir Mütter sind eine Bereicherung für jede Firma: Wir können multitasken, organisieren und verhandeln wie kaum sonst jemand. Wir sind es uns gewohnt, Regeln einzuhalten und dabei trotzdem flexibel zu bleiben. Wir bleiben in den meisten Situationen ruhig, sind effizient und lösungsorientiert - weil wir schlicht und einfach keine Zeit dafür haben, es nicht zu sein.

Dass ihr solche Leute nicht in eurem Team haben wollt, ist ein Armutszeugnis für euch, liebe Arbeitgeber in der Schweiz. Ich hoffe für meine Kinder, dass die nächste Generation nicht mehr so engstirnig und rückständig denkt, dass sie sich mütterliche Qualitäten auch im Arbeitsleben zunutze macht. Und bis dahin hoffe ich einfach, dass ich keine solchen Schlagzeilen über «frischgebackene» Mütter mehr lesen muss, denen im Job Steine in den Weg gelegt werden.

Im Dossier: Alle Blogs von Sandra C.