Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ich und mein «Helikopter-Ich»

Sogenannte «Helikopter-Eltern», also Eltern, die ihre Kinder überbehüten sind verpönt. Familienbloggerin Sandra C. weiss, dass es gar nicht so einfach ist, die richtige Balance zu finden, wenn es um das «Behüten» der Kinder geht.
Erziehung Kinder Schweiz Helikopter Eltern
© Getty Images

Divertimento-Komiker Manu Burkart, 38, und seine Frau Michèle, 32, machen eine Woche Ferien ohne ihre Kinder. Ein Aufschrei geht durch die Schweiz. Das geht doch nicht, das ist egoistisch. Eltern gehören zu ihren Kindern, immer und überall. Was dabei herauskommen kann, wenn man das Kind zu seinem Lebensinhalt macht, beschreibt Florian Burkhardt im Buch «Das Kind meiner Mutter». Aus Angst, ihren Sohn zu verlieren, versuchte seine Mutter ihn vor allem und jedem zu beschützen. Das Phänomen der «Helikopter-Eltern» beobachte ich auch im Alltag immer wieder. Eltern, die mit ihren Babys und Kleinkindern nicht in die Badi gehen, aus Angst vor der Sonne und dem Wasser. Eltern, die bei jedem bösen Blick von anderen Kindern deren Eltern anrufen. Oder bei jeder vermeintlichen Ungerechtigkeit der Lehrperson auf die Barrikaden gehen. Oder eben Eltern, die niemals ohne die Kinder ausgehen, geschweige denn in die Ferien würden. Lustigerweise werden diese genauso für ihr «Überbehüten» kritisiert wie eben Eltern, die ohne Kinder Ferien machen, für ihr «Unterbehüten».

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Leute Zeit haben und willens sind, solche Kritik an anderen (und nicht nur an Prominenten) via (sozialen) Medien in die Welt zu posaunen. Nun ist ja Manu Burkart Comedian und hat entsprechend witzig - und gelassen - reagiert. Dabei ist es auch ohne das Geschwafel ständiger Besserwisser und -innen schon nicht einfach, das richtige Mass an «Behütung» zu finden. Ich würde meine Kinder am liebsten vor jedem Unglück dieser Welt bewahren. Dies, obwohl ich weiss, dass das erstens nicht möglich ist und dass sie zweitens ihren Weg im Leben nur finden werden, wenn sie diesen unabhängig von mir gehen können.

Ich muss aber zugeben, dass auch ich hin und wieder zum «Helikoptern» tendierte - und es immer noch tue. Dabei hat diese Art des Überbehütens nichts damit zu tun, ob der betreffende Elternteil arbeitstätig ist oder nicht. Gerade berufstätige Mütter sind häufig «betroffen». So wäre ich, als meine Kinder noch klein waren, niemals auf die Idee gekommen, ohne meine Kinder zu verreisen - ich hatte ja so schon ein schlechtes Gewissen, dass ich ich meine Kinder nicht ständig selbst betreute. Auch noch meine Freizeit ohne sie zu verbringen, hätte ich wohl kaum ausgehalten. Heute bin ich sicher, dass es weder meinen Kindern noch mir geschadet hätte, wenn ich mir auch mal ein bisschen Freizeit ohne sie gegönnt hätte. Aber man kann als Mutter (oder Vater) eben schlecht aus seiner Haut.

Auch heute gibt es noch Situationen, in denen ich weiss, dass ich sie eigentlich allein machen lassen sollte. Ich fahre meinen Sohn zum Beispiel öfter mal in die Schule, wenn er ohne seine Schwester gehen müsste, weil diese zu einer anderen Zeit da sein muss. Er muss am Oberstufen-Schulhaus vorbei und die Oberstufenschüler pöbeln gern mal Kleinere an, und das findet er furchtbar. Klar weiss ich, dass ich ihn nicht ein Leben lang vor Pöbeleien schützen kann. Aber der Gedanke daran, wie er sich fühlt, wenn er allein da durch muss, tut mir im Herzen weh. Aber grundsätzlich traue ich meinen Kindern recht viel zu, und verbringe inzwischen auch gern mal meine Freizeit ohne sie (und sie ihre ohne mich!) Nur mit dem Verreisen ohne meine Kinder habe ich immer noch Mühe. Das heisst, davor freue ich mich jeweils sehr - und wenn ich dann ohne sie unterwegs bin, denke ich: «Das wäre toll, wenn das die Kinder sehen könnten. Und umgekehrt? Fragen sie meist «ach, bist du wieder da?», wenn ich heimkomme. Und: «Hast du uns was mitgebracht?» Vielleicht lege ich meine letzten «Helikopter»-Gewohnheiten ja auch noch ab. Irgendwann. Spätestens wenn die Kinder ausziehen. Hoffentlich.

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