Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kindererziehung: Vorsätze vs. Realität

Im letzten Blog erzählte Sandra C. von ihrer Kaffee trinkenden Teenager-Tochter, die ihre Freizeit gern auf Instagram und Youtube verbringt. Die Familienbloggerin bekam daraufhin einige Reaktionen von Leuten, die fanden, mit elf bereits ein Handy und einen Instagram-Account zu besitzen, gehe gar nicht. Um ehrlich zu sein, dachte Sandra C. früher auch so. Aber in der Kindererziehung gilt noch mehr als überall sonst: Oft kommt es anders, als man denkt.
Familienblog Schweiz Kindererziehung: Vorstellung vs. Realität
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In der Realität sieht Kindererziehung meist anders aus, als man es sich vorgestellt hat.

Bereits in der Schwangerschaft hat man eine Vorstellung davon, wie man sein Kind erziehen würde. Die wenigsten Eltern, die ich kenne, zogen diese Vorsätze alle durch. Irgendwie kommt einem ständig etwas dazwischen. Meistens die Realität. Zu meiner Verteidigung muss ich noch sagen, dass es bei mir öfter auch andere Leute waren. Meinem ursprünglichen Vorhaben, mein erstes Kind mindestens zwei Jahre lang süssigkeitenfrei zu ernähren, machte mein Vater einen Strich durch die Rechnung. Er drückte der Kleinen noch vor ihrem ersten Geburtstag ein Glacé in die Hand.

So wurden zig meiner erzieherischen Vorsätze zunichtegemacht, manchmal von anderen, manchmal von mir selbst. Politisch korrektes Holzspielzeug statt «Plastikschrott»? Bereits zur Taufe bekam meine Tochter so ein riesiges Kombi-Spielzeug-Ding aus purem Plastik, das sie über alles liebte. Keine Spielzeugwaffen, keine Ballerspiele? Ich selbst hab meinem Sohn bis heute niemals so etwas gekauft. Trotzdem hatte er irgendwann eine Plastikpistole und später gar einen ferngesteuerten Panzer, den er das Tollste überhaupt fand.

Ich war auch überzeugt davon, meinen Kindern kein Handy zu erlauben, bevor sie in die Oberstufe kommen. Heute haben sie beide eines. Und ja, sie haben es von mir. Denn im Grunde ist es wie früher mit den Süssigkeiten oder den Spielzeugwaffen: Man kann die Sehnsüchte der Kinder nicht lenken. Und Verbote machen sie nur interessanter.

«Kein Wunder, dass einem die Kinder entgleiten, wenn sie schon mit elf einen Instagram-Account haben und die halbe Zeit auf Facetime verbringen», schrieb eine Leserin. Kinder werden nicht dick, weil sie vor ihrem zweiten Geburtstag Zucker bekamen. Sie werden nicht verroht, wenn sie als Kleinkinder mit Plastikzeug spielen und sie werden auch nicht zu Massenmördern, wenn sie eine Spielzeugpistole besitzen. Oder einen ferngesteuerten Panzer. Genauso ist es mit Handy und Co.: Kinder entgleiten einem nicht, weil sie instagrammen und facetimen. Sondern wenn man sich nicht für sie und ihren Alltag interessiert. Und letzterer findet - ob man das wahrhaben will oder nicht - heutzutage zu einem guten Teil online statt. Wenn nicht zu Hause, dann auf dem Schulweg, beim Sport oder bei Freunden. Das ist die Realität.

Ich bin in einer anderen Zeit aufgewachsen als meine Kinder. Aber ein Credo habe ich von meinen Eltern übernommen: «Mir ist lieber, ihr macht das, was euch reizt, zu Hause als irgendwo auf der Strasse.» Ich hab also zu Hause Alkohol getrunken und gekifft (zusammen mit meinem Vater, und genau einmal). Ich hatte zeitlebens eine enge Verbindung zu meinen Eltern und bin heute weder alkohol- noch drogenabhängig. Mir ist lieber, meine Kinder surfen zu Hause im Netz als irgendwo anders (was sie ja vermutlich eh auch tun.)

Mir ist bewusst, dass sie erst elf und neun Jahre alt sind. Deshalb kontrolliere ich ihre Youtube- und Chatverläufe. Sie wissen das. Und: Ich interessiere mich dafür, was sie interessiert. Online und offline. Dabei macht es mir genauso wenig Spass, stundenlang «Lochis»-Clips mit ihnen anzuschauen, wie ich vor Jahren Freude daran hatte, stundenlang Plastikmännchen in Plastikautos rumfahren zu lassen. Ich mache es trotzdem - weil das ihre Welt ist, und es meine Pflicht ist, zu wissen, was dort passiert. Und wisst ihr was? Sie schätzen das. Sie freuen sich, wenn ich nach ihren Freunden frage, nach ihren Lieblingsfilmen, ihrer Lieblingsmusik, auch ihren Onlinespielen und Chats. (Sie freuen sich nicht, wenn ich nach der Schule und den Hausaufgaben frage…) Wir gehen oft am Sonntagabend essen und unterhalten uns, ganz ohne Handys auf dem Tisch. (Und das gilt für alle!) Ehrlich gesagt, habe ich nicht das Gefühl, dass meine Kinder mir entglitten sind. Trotz Handys, Instagram und WhatsApp. Oder vielleicht gerade deswegen.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.