Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kein Geld für ein Paar Winterschuhe

Zur Armutsbekämpfung fordert Caritas Schweiz eine nationale Strategie. Der wichtigste Eckpfeiler: eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die fehlende Vereinbarkeit ist also kein Luxusproblem von Rabenmüttern, die ihre Kinder abschieben wollen, sondern ein echtes gesellschaftliches Problem, sagt Familienbloggerin Sandra C. 
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Laut Caritas Schweiz sind hierzulande 76'000 Kinder von Armut betroffen, 188'000 leben an der Armutsgrenze. 

Von weniger als 20 Franken pro Tag muss eine von Armut betroffene Familie laut der Caritas leben – und das notabene in der Schweiz. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich so meine Kinder halbwegs gesund mit frischem Essen ernähren sollte. Geschweige denn, ihnen zusätzlich Kleider, Schuhe und Schulmaterial kaufen. Handy, iPad und Co. würden kaum drin liegen – auch wenn sie die einzigen in der Klasse wären, die keines haben. Auch Hobbys wären kaum finanzierbar. Und von Ferien oder Freizeitaktivitäten könnten wir nur träumen.

Besonders stark betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden und Eltern mit tiefem Bildungsniveau.

76'000 Kinder in der Schweiz leben so, 188'000 weitere haben nur knapp mehr zur Verfügung, wie Caritas kürzlich bekanntgab. Klar, jetzt könnte man argumentieren, dass Armut relativ ist. Anderswo leben Kinder auf der Strasse, haben kein sauberes Trinkwasser und weder medizinische Versorgung noch eine Schulbildung. Dass es sozusagen direkt vor unserer Haustür Kinder gibt, für die ein frisches Essen nicht selbstverständlich ist und ein Paar Winterschuhe schon gar nicht, ist trotzdem schockierend.

Vor allem besser verdienende Eltern können sich Krippenplätze leisten.

Besonders stark betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden und Eltern mit tiefem Bildungsniveau. Zur Überwindung der Kinderarmut seien Familienergänzungsleistungen und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie nötig, sagt Caritas Schweiz. Logisch, eigentlich. Denn könnten sich Alleinerziehende und Eltern, die nicht viel verdienen, familienergänzende Betreuung leisten und sich ihre Arbeitszeiten dank familienfreundlicher Strukturen besser einteilen, könnten sie mehr arbeiten und dementsprechend mehr verdienen.

Paradoxe Situation bei den Krippenplätzen

Laut Caritas müsste der Staat gut dreieinhalb mal so viel Geld in familienergänzende Kinderbetreuung stecken wie heute, um die Armut zu bekämpfen. Das gelte vor allem für Kindertagesstätten: In der Schweiz zahlen Eltern für einen Platz zwei- bis dreimal so viel wie in den Nachbarländern. Das führt zu einer paradoxen Situation: Vor allem besser verdienende Eltern können sich Krippenplätze leisten, und diese «Rabeneltern», die ihre Kinder zugunsten ihrer Karriere «abschieben» sind dem/der durchschnittlichen Stimmbürger/in ein Dorn im Auge.

Also scheitert jeder politische Vorstoss zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie grandios an der Urne. Die, die darunter leiden, sind dann eben die weniger gut Verdienenden, die sich eine Vereinbarkeit weiterhin nicht leisten können. Bis sie irgendwann an der Armutsgrenze landen. Oder darunter.

Liebes Schweizer Stimmvolk, wenn das nächste Mal eine Abstimmung in Sachen Vereinbarkeit oder Subvention von Kitaplätzen ansteht, denkt vielleicht mal nicht in erster Linie an die karrieregeilen Rabeneltern, die ihre Kinder abschieben, sondern an die Eltern, die ihren Kindern gern öfter gesundes Essen servieren oder ihnen ein Hobby erlauben würden, es aber nicht können, weil sie sich das Geldverdienen schlicht nicht leisten können!

Im Dossier: Weitere Beiträge im Familienblog von Sandra C.