Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Ich wünschte, du wärst nie geboren!»

Was Familienbloggerin Sandra C. am meisten nervt an ihren Kindern? Dass sie ständig Krach haben. Dabei wissen sie meist nicht mal selbst, warum sie sich eigentlich zoffen.
Familienblog Kinder streiten
© Getty Images

Lautstarker Zoff am Zmorgetisch: Die Nerven von Familienbloggerin Sandra C. liegen manchmal schon am frühen Morgen blank.

Manchmal gehts schon los, sobald sie am Morgen die Augen aufmachen. Und es fängt meist mit folgenden Worten an: «Das isch unfääääääääär!» Unfair ist dann zum Beispiel, dass er mehr Ovi hatte als sie (was nicht verwunderlich ist, er schafft drei Tassen in einer guten Viertelstunde) oder dass ihm plötzlich einfällt, dass sie am Abend zuvor noch ein Stück Schokolade zum Dessert hatte und er nicht. Und irgendwie schaffen sies, einander eine gute Stunde lang zu beschimpfen, bis wir aus dem Haus müssen.

Meine Nerven sind also schon bis zum Anschlag gespannt, wenn wir zur Haustür rausgehen. Mit versteinerter Miene schliesse ich die Tür ab, während ich es hinter mir weiter gifteln höre: «Ich wünschte, du wärst tot!» - «Und ich wünschte, du wärst gar nie geboren!» Ooooooh ja - gerade in dieser Sekunde schliesse ich mich dir vollends an, liebes Kind. Und das gilt für euch beide, im Fall! Also, einmal tief Luft holen. «Warum streitet ihr euch eigentlich?» Betretenes Schweigen. Dann: «Weil er blöd ist!» - «Maaaaaaami, sie hat gesagt, ich bin blöd!» Oooooh ja - gerade in dieser Sekunde… lassen wir das. «Ich habs gehört…» - «Sie ist gemein!» Äh ja… «Beachte sie einfach nicht.» - «Das kann ich nicht, sie steht direkt neben mir!» Auch wieder wahr. So blöd kann er nicht sein… «Kannst du ihn nicht einfach mal in Ruhe lassen?» - «Nein, er nervt!» - «Aber er macht doch gar nichts.» Offenbar reicht die einfache Präsenz meines Sohnes, dass seine Schwester die Krise kriegt.

Ich kann mich echt nicht dran erinnern, dass mein Bruder und ich uns so gefetzt haben. Ja, gut, ich hab ihn mal so in den Arm gebissen, dass er geblutet hat. Aber das war EINMAL in gefühlten hundert Jahren. Okay, ich hab auch regelmässig seine Matchbox-Autos vom Balkon im dritten Stock geschmissen. Aber hey, das war ein Witz. War doch lustig, oder? Und ja, ich hab ihm auch Schläge angedroht, wenn er nicht von der Rutschbahn runterspringt, weil ich mich nicht getraut habe. Ich konnte doch nicht ahnen, dass der sich so doof anstellt und sich dabei den Arm bricht! Aber wenns drauf ankam, haben wir immer zusammengehalten.

Vergangene Woche kam meineTochter total aufgelöst nach Hause. Ihr Bruder war nach der Schule nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen. «Er kennt doch den Weg, er kommt sicher gleich», meinte ich, nicht wirklich beunruhigt. Sie aber machte auf dem Absatz kehrt und ging ihm entgegen. Als sie beide zu Hause waren, erzählten sie mit Tränen in den Augen, wie sie einander nach der Schule gesucht und nicht gefunden hatten. Eine halbe Stunde später trat sie ihm beim Mittagessen unterm Tisch gegen das Schienbein. Es störte sie, dass er zu laut geatmet hatte…

Nachdem mich meine Kinder also bereits am frühen Morgen zur Weissglut getrieben hatten, ging ich abends mit einer Freundin - Mutter eines Einzelkindes - zum Apéro. «Du hasts gut», seufzte ich. «Meine beiden haben sich heute Morgen wieder gezofft, dass sich die Balken biegen!» - «Sei froh», meinte sie. «Würden sie nicht miteinander streiten, täten sie es mit dir. Und glaub mir, das ist viel nerviger.» Tja, wo sie recht hat, hat sie recht. Stellt euch vor, es gäbe einen der beiden nicht. Ich würde mich täglich mit einem Kind rumstreiten. Und stellt euch vor, es gäbe beide nicht. Ich müsste mich jeden Tag so sehr mit mir beschäftigen, bis ich mir selbst auf die Nerven ginge. Und das wäre noch viel schlimmer als zwei streitende Kids.