Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Vom Stricken und Marschieren

Eigentlich wollte Sandra C. mal eine Weile nicht über Gleichberechtigung und Feminismus bloggen. Irgendwann ist ja dann auch mal - wenn nicht alles - so doch jede Menge gesagt über das Thema. Aber die Familienbloggerin sieht sich doch immer wieder mit dem Thema konfrontiert, ob als Medienkonsumentin oder Mutter.
Womens March Zürich 2017 Bilder auf instagram und Facebook
© Instagram/i_am_not_sarah

Ein Bild vom Women's March in Zürich.

«Was machen die da?», fragt meine Tochter, die in meinen Bildschirm linst und ein Bild vom Zürcher «Women’s March» am Wochenende erhascht. «Sie protestieren für die Rechte der Frau.» - «Welche Rechte?» - «Die gleichen wie die Männer haben.» - «Haben wir die nicht?» - «Nein. Wir verdienen zum Beispiel weniger für die gleiche Arbeit. Manche Frauen werden entlassen, weil sie ein Baby bekommen haben. Oder sie bekommen gewisse Jobs gar nicht erst, weil sie Kinder haben oder weil man denkt, dass sie bald Mutter werden.» - «Das ist doof. Männer haben ja auch Kinder.» - «Ja. Aber weil wir Frauen die Kinder zur Welt bringen, denken gewisse Leute, dass nur wir richtig zu den Kindern schauen können. Und dass wir, wenn wir mal Kinder haben, nicht mehr so gut arbeiten wie vorher.» Sie überlegt eine Weile. «Und wenn die da jetzt mit Plakaten und pinken Kappen im Regen durch Zürich laufen, ändert sich das?»

Das ist ja eben mein Dilemma in dem ganzen Feminismus-Ding. Ich würde mich zwar durchaus als Feministin bezeichnen. Aber pinke Kappen stricken ist mir einfach zu blöd (nicht nur weil ich rein stricktechnisch zwei linke Hände habe). Und im Vollschiff durch die Stadt marschieren erst recht. Klar, wenn jemand sagen würde: «Wenn du heute zwanzig pinke Kappen strickst, verankern wir ab morgen die Lohngleichheit im Gesetz» würd ichs machen. Aber eben. Erfahrungsgemäss hat mit Lismen noch nie jemand ein Gesetz geändert. Und mit Protestieren? Das Problem ist halt, dass «die Rechte der Frau» ein unglaublich diffuser Begriff ist. Wofür oder wogegen marschiert man denn da genau? Gegen Sexismus. Gegen Diskriminierung. Was heisst das? Frauen haben das Recht auf gleiche Rechte wie Männer. Und sie haben das Recht, diese einzufordern. Aber wie fordert man etwas so Ungreifbares ein wie das Recht auf Karriere? Oder das Recht darauf, sich nicht in diversen Lebenslagen sexistischen Sprüchen oder gar Grabschereien ausgesetzt zu sehen? Nützt stricken? Nützt marschieren? Nützt schreien? Ich weiss es nicht. Aber irgendetwas muss man machen. Und irgendwo muss man anfangen. Gerade in einem Land wie unserem, in dem gemäss Studien die viertglücklichsten Menschen der Welt leben, das es aber in der Kategorie «Das beste Land für Frauen» nicht mal in die Top fünf schafft.

«Würdest du da mitmarschieren?», frage ich meine Tochter. «Ich glaube nicht. Auch wenns doof ist, dass Frauen nicht die gleichen Rechte haben wie Männer. Aber bei uns Mädchen ist das ja nicht so.» Da dämmert mir etwas, das ich eigentlich aus eigener Erfahrung kenne: Man kann seine Tochter nicht zur Feministin erziehen. Meine Mutter hats auch versucht, aber solange ich noch keine eigenen Erfahrungen mit Sexismus hatte, war das aussichtslos. Erst als ich selbst dem Gefühl ausgeliefert war, diskriminiert zu werden, weil ich eine Frau bin, habe ich angefangen, mir Gedanken zu dem Thema zu machen. Meine Tochter hatte dieses Gefühl - zum Glück - noch nie. Auch wenn sie selbst schon angegraben wurde. Sie stellt diese Erfahrung aber offensichtlich noch nicht in Zusammenhang mit Sexismus. Genauso wie ich mich als Mädchen zum Beispiel nie gefragt habe, warum ich in der Schule stricken und kochen lernen musste und die Buben nicht.

Wer weiss, vielleicht hilft ja das Stricken (was für eine Ironie….) und Marschieren ja doch etwas, und meiner Tochter bleibt es tatsächlich erspart, aufgrund eines sexistischen Erlebnisses zur Feministin zu werden. Und wenn nicht, hoffe ich, dass ich ihr - trotz meiner anhaltenden Unsicherheit, was dieses Thema angeht - ein einigermassen annehmbares Vorbild bin.

Im Dossier: Alle Blogs von Sandra C.