Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Wie erklärt man Kindern die Welt?

Eigentlich wollte Sandra C. mit ihrer Familie ein paar Tage nach Istanbul reisen. Nach den dortigen Unruhen sagte sie den Trip ab. Die Familienbloggerin fragt sich, wie sie ihren Kindern erklären soll, warum. Und merkt, dass sie das nicht kann - und dass es gar nicht nötig ist.
Weltkarte

Die Welt dreht durch und Sandra C. reagiert auf ihre Weise.

Terroranschläge, Amokläufe, Aufstände, Schiessereien. Die Welt dreht durch. Trotzdem hatte ich bisher nie das Gefühl, mich und ihre Familie vor ihr schützen zu müssen. Das liegt vermutlich ein bisschen an meiner fatalistischen Einstellung: Wenns mich erwischt, hat es eben so sein sollen - egal wann, egal wo. Wenn sich das alles aber so häuft wie in letzter Zeit und vor allem: Wenn es so bedrohlich nah vor der eigenen Tür passiert, fragt man sich als Mutter doch immer öfter, in was für einer Welt die eigenen Kinder eigentlich aufwachsen.

Man solle mit den Kindern über Terror und Amokläufe reden, wenn sie danach fragen, lese ich. Kindgerecht. Danke, liebe «Experten». Wie redet man  mit den Kindern kindgerecht darüber, dass ein Fanatiker am Flughafen Istanbul - von wo ihr Vater zwei Tage zuvor noch zurück in die Schweiz geflogen ist - eine Bombe hochgehen lässt und Dutzende von Leuten in den Tod reisst. Leute, die er nicht kennt, noch nie gesehen hat, die ihm nichts getan haben. Leute wie sie und ich. Wie redet man kindgerecht darüber, dass in Nizza - wo wir gute Freunde haben - jemand mit einem Lastwagen in eine feiernde Menge donnert, um sich schiesst und dabei Kindern ihre Eltern nimmt, und Eltern ihre Kinder. Kinder, die so unschuldig waren wie jedes Kind auf dieser Erde, Familien, über die er nichts weiss und auch nichts wissen will. Wie redet man kindgerecht darüber, dass in einem Land, in dem wir Ferien machen, das Militär an die Macht will - oder jemand will, dass das Militär die Macht übernimmt, oder zumindest so tut als ob, oder als ob er es versucht - und dabei hunderte von Leuten in einer Nacht getötet werden. Unschuldige Leute, die genauso wenig von Politik verstehen wie ich und meine Kinder, aber Opfer von politischen Grausamkeiten unvorstellbaren Ausmasses wurden.

Ich kann das meinen Kindern nicht erklären. Weder kindgerecht noch sonst irgendwie. Weil ich es selbst nicht verstehe. Natürlich fragen sie, warum wir nicht nach Istanbul fliegen. «Weil ich mich dort im Moment nicht sicher fühlen würde», sage ich. «Warum nicht?» - «Weil es Unruhen gab und Leute getötet wurden.» - «Und weil es eine Bombe am Flughafen hatte?» - «Ja.» - «Warum tut jemand eine Bombe an den Flughafen?» - «Ganz ehrlich? Ich weiss es nicht.» - «Weisst du, was ich glaube?», fragt mein Sohn. «Nein, was denn?» - «Ich glaube, der, der die Bombe da hingetan hat, weiss selber nicht warum. Und die, die die anderen Menschen getötet haben, auch nicht.» Ich muss ihm nichts erklären. Weder kindgerecht noch sonst irgendwie. Denn er scheint die Welt, in der er aufwächst, besser zu verstehen als ich.

Statt nach Istanbul sind wir ein paar Tage nach Griechenland gereist. «Weisst du, die Griechen, die sind pleite», erklärt meine Tochter ihrem Bruder im Flieger. «Das ist super, dann haben sie nämlich auch kein Geld zum Bomben kaufen!» - «Stimmt. Aber eigentlich müsste man doch einfach keine Bomben mehr machen, dann könnte auch niemand mehr Leute mit ihnen töten.» Vielleicht wäre es an der Zeit, aufzuhören mit dem Versuch, den Kindern «kindgerecht» die Welt zu erklären, und stattdessen mal zuzuhören, wenn sie sie uns erklären.  

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.